Arno Tausch: „Warum Sarrazin Unrecht hat?“

Soziologische Perspektiven zur Integration der Muslime in Europa, basierend auf dem „World Values Survey“ und dem „European Social Survey“

Arno Tausch Univ. Doz. der Politik-wissenschaft an der Universität Innsbruck hat die Fragen von Einspruch in unserem Büro benatwortet.

Arno Tausch zeigt  mit seinem Wissen-schaftlichen Arbeiten mit den frei verfügbaren Daten aus dem „World Values Survey“ und dem „European Social Survey“, dass es keinen Grund für Alarmismus gibt. Das Gegenteil ist jedoch die Perspektive – ein Plädoyer für eine weitere Integration in der Tradition der Aufklärung der Mehrheitsbevölkerung und der Muslime, um die Integration von Muslimen in Europa zu beschleunigen. Der Kern der radikalen und gewalttätigen Islamisten in Europa (EU-27, EWR, EFTA) ist ca. 1-2% der gesamten ansässigen muslimischen Bevölkerung, während die subjektive Armut der Muslime in Europa in den letzten 4 Jahren (2002 – 2006) um mehr als 10% zurückging und sich vor der gegenwärtigen Wirtschaftskrise eine gewisse muslimische Mittelschicht herausbildete. Die Zufriedenheit der Muslime mit der Demokratie in Europa ist zu einem großen Teil von der Leistungsfähigkeit des Gesundheits-und Bildungssystems bestimmt.

Einpruch: Für eine faktenorientiertere Diskussion. Was fehlt hier Herr Tausch?

Tausch: Es ist Zeit, angesichts all der Debatten über den Islam in Europa endlich die Daten sprechen zu lassen, und sine ira et studio Fakten über das bisher Erreichte in der Integration, aber auch die weiter bestehende Armut und politisch-religiöse Radikalität auf den Tisch zu legen, mit einem Wort, sich bei den KlassikerInnen und Klassikern der Sozialforschung in den 30-und 40-er Jahren des 20. Jahrhunderts einmal auf die Schulbank zu setzen, und sich vor allem und vorerst die einfache Frage zu stellen – wer denkt und tut was, wann, wo, wie und warum?Die quantitativ oder der quantitativ orientiere SozialwissenschafterIn wäre zunächst daran interessiert, von welchem Befund wir auszugehen haben. Es sagt im Grunde genommen sehr viel über den traurigen Stand der europäischen Steuerungskapazitäten im Weltsystem, dass uns noch immer keine „Eurostat“ oder „Eurobarometer“ Daten darüber vorliegen, wie viele Prozent der Muslime in Europa wirklich die Demokratie ablehnen, wie viele Prozent Gesellschaftsbilder vertreten, die z.B. wegen der implizierten Vorstellungen über Geschlechter-Rollen mit einer demokratischen Gesellschaft nur schwer vereinbar sind et cetera?  Idealiter müssten vergleichbare Erhebungen mit mindestens 1000 repräsentativen Muslime in allen 27 Mitgliedsstaaten der EU, im europäischen Wirtschaftsraum und im EFTA-Land Schweiz von „Eurostat“ oder „Eurobarometer“ schon längst vorhanden sein, um eine wirkliche Beurteilung der Lage vornehmen zu können. Das haben wir nicht und Sarrazin hat es auch nicht. Damit mischt er alles zusammen und paschalisiert die Probleme.

Einspruch: Wo fliegt  das „Flugzeug Europa“?

Tausch: Das „Flugzeug Europa“ fliegt – so betrachtet – in echten und bedrohlichen Nebelschwaden, und es gibt sie nicht – die Sicht auf den real existierenden Islam auf unserem Kontinent, in soziologischer Hinsicht. Wer ist wie arm, wie radikal, wie fähig oder unfähig zu „modernen“ Geschlechter-Rollen, wer genoss wann welche Bildung, mit welchen Inhalten etc. etc.?Dem in der internationalen politikwissenschaftlichen Debatte breit rezipierten deutschen Forscher Bassam Tibi ist völlig zuzustimmen –weite Strecken der bisherigen „Islam-Debatte“ sind nutzlos, und siesind – füge ich hinzu – vor allem leider bislang wirklich datenlos verlaufen – datenlos über die realen soziologischen Lebensbedingungen der Muslime in Europa – wie auch perspektivenlos – perspektivenlos insofern, weil die zeitlichen Veränderungen in den real feststellbaren und soziologisch erfassbaren Denk- und Handlungsstrukturen europäischer Muslime ebenso ausgeblendet wurden wie in der zuvor abgelaufenen Debatte über den „Euro-Islam“.

Gibt es den Euro-Islam?

Professor Bassam Tibis originäres Konstrukt des Euro-Islam hat einen gravierenden Haken: es ist normativ und nicht empirisch, und ein Euro-Islam, wie er ihn versteht, hätte in Übersee weit bessere Voraussetzungen als hier in Europa. In vieler Hinsicht müssen die Ergebnisse dieser Untersuchung als ernüchternd gelten. Die Daten des European Social Survey über die mangelnden Erwerbsquoten bei den europäischen Muslimen in Zeiten der Hochkonjunktur – also 2006 – lassen erahnen, mit welcher Wucht nun die Last der Tsunami der aktuellen weltökonomischen Krise gerade den europäischen Islam trifft, der zunächst ein Islam der Einwanderung vor allem in der Schwerindustrie im letzten und vorletzten langen Zyklus der Weltwirtschaft war, und dessen Arbeitskräfte vor allem in den industriellen Zentren Europas beschäftigt waren, die die Wucht der Krise nun voll trifft.

Der kleine bescheidene Fortschritt, das kleine bescheidene Glück von Millionen von Menschen in den banlieues und den ärmeren Vierteln der Städte Europas der letzten Jahre, das wir in unserer Analyse nachgewiesen haben, steht nun auf dem Spiel. Konfrontiert mit einer allzu oft menschenverachtenden Rede über ihre Religion und ihren Propheten steht Europa wiederum dort, wo es in den 20-er und frühen 30-er Jahren unseres Jahrhunderts stand – es werden Sündenböcke für die Krise gesucht, und die „Anderen“, „Andersartigen“, meist eher „dunkel“ aussehenden und verängstigten Menschen werden schnell zu diesen Sündenböcken.

Der wirklich harte Kern der offen totalitäre Strömungen unterstützenden muslimischen Bevölkerung beträgt nach einer „Überstülpung“ der ESS-Daten, WVS-Daten und der Sekundäranalyse auf Europa sehr grob hochgeschätzten PEW-Daten tatsächlich nur 1 – 2 %, während 1/6 bis 1/5 der Muslime in Europa als von totalitärem Gedankengut gefährdet angesehen werden kann. So betrachtet, sind diese Zahlen auch vergleichbar mit dem Terrorismus-Potential, wie es die westlichen Nachrichtendienste nach dem Washington Quarterly-Artikel des hochrangigen US-Diplomaten Timothy Savage einschätzen.

Jedenfalls hat dieser Beitrag versucht, die vorhandenen Fakten auf den Tisch zu legen, damit auf der politischen Ebene eine rationalere Debatte zum Thema „Islam“ stattfinden kann. Eines muss den EntscheidungsträgerInnen in Europa klar sein – die muslimische Migration nach Amerika und Übersee findet auch nach dem 11. September weiter statt, und sie ist oft eine hochqualifizierte Migration („Ph.D. migration“), und trotz 9/11 verläuft sie in Übersee erfolgreicher als auf dem starren alten Kontinent, der zunehmend altert, und Humankapital aus dem Süden und Südosten eigentlich willkommen heißen sollte.

Sicherlich ist die Aufgabe der gesellschaftspolitischen Integration, die noch zu bewältigen ist, gewaltig; und immerhin misstrauen viel zu viele Muslime dem Justizsystem und der Polizei. Bei der Integrationspolitik muss sicher unumwunden feststehen, dass nicht ein nach rückwärts gerichteter Islam – etwa der der Salafisten oder der Moslembruderschaft – im Vordergrund steht, sondern ein Islam, der an den Zielen der Aufklärung orientiert ist.

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