Die Spitze der Wirtschaftskammer trifft austro-türkische Unternehmer

Ein ungewöhnlicher, in seiner Art bisher einzigartiger Besuch fand am 26. Jänner 2010 in den Räumlichkeiten des „Yeni Vatan Gazetesi“ (Neue Heimat Zeitung) statt.

WIEN – Ein ungewöhnlicher, in seiner Art bisher einzigartiger Besuch fand am 26. Jänner 2010  in den Räumlichkeiten des „Yeni Vatan Gazetesi“ (Neue Heimat Zeitung) statt: Zum ersten Mal kamen gleich zwei prominente Vertreter der Wirtschaftskammer zum gemeinsamen Austausch mit türkischstämmigen Unternehmern, nämlich Christoph Leitl, Bundesobmann des Österreichischen Wirtschaftsbundes und Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, und die Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer Brigitte Jank, die ihrerseits Obfrau des Wiener Wirtschaftsbundes ist. Die beiden prominenten Gäste standen beim Treffen den türkischstämmigen Wirtschaftstreibenden Rede und Antwort. Anlass für die Begegnung waren die bevorstehenden Wirtschaftskammer-Wahlen, die von 27. Februar bis 2. März stattfinden werden, und bei denen der Wirtschaftsbund auch türkischstämmige Wirtschaftstreibende als Wähler gewinnen möchte.

Die Zahl türkischstämmiger Wirt-schaftstreibender in Wien ist rund 6.000. „Österreichweit beträgt diese Zahl etwa 25.000”, so Birol Kilic. „Darunter sind in etwa 5.000 bis 6.000 KMUs, die beachtliche Umsätze machen und auch viele Österreicher angestellt haben.“ Der Wirtschaftskammer wurde mittlerweile das hohe Potenzial bewusst, das unternehmerisch tätige Migranten für die heimische Wirtschaft bedeuten. Die wachsende Aktivität von Wirtschaftstreibenden mit Migrationshintergrund bedeutet freilich auch einen gesteigerten Bedarf an intensiver Beratung speziell für diese Klientel. Heute kann bei der Wirtschaftskammer mittlerweile jeder eine Beratung in seiner Muttersprache bekommen.

Dass es auch einige sehr erfolgreiche türkischstämmige Unternehmer gibt, zeigte das Treffen am 26. Jänner mit Leitl und Jank. Mit dabei waren  auch der Großbauunternehmer Mustafa Atak von Mustibau GesmbH, Mustaf Koc von der X-Mobile GesmbH, der in Österreich Top 3 unter den Fachhändlern ist, Idris Karakas vom Gimex HandelsgesmbH, Mehmet Ildirar von Inova Tools, Bahattin Ceki von CSP, Gökhan Yildirim von der Reviesta Consulting Group Environmental Technologies e.U. und Haluk Kocapinar, der mit der Syntez Group im Bereich Wohnungseinrichtungen und Tourismus tätig ist. Sie alle haben sich in Österreich selbständig gemacht und hatten Erfolg. Zweisprachigkeit ist für manche eine spezielle Chance, weil sie hier im Import- und Exportbereich besonders punkten können. Wie beim gemeinsamen Gespräch deutlich wurde, teilen türkischstämmige Unternehmer einige Hauptschwierigkeiten mit anderen Unternehmensgründern. Das betrifft etwa das Thema „unlauterer Wettbewerb“. Jank versprach hier ein entschiedenes Vorgehen, betonte aber: „Alle haben die gleichen Probleme.“ Durch die Schattenwirtschaft entstünden hohe Verluste bei den Steuern und im Sozialbereich. Ein großer Erfolg sei jedoch im Baubereich gelungen: Mit dem Finanzministerium konnte vereinbart werden, dass jede Firma angemeldet sein muss; für Gewerbe ohne Sitz gibt es künftig keine Bauberechtigung mehr.

Mehr „authentische Hilfe für türkische Migranten“ forderte Kuzugüdenli und erwähnt dabei die Kreditklemme der Banken. „Manchmal arbeiten die Beamten nicht so, wie es sich die Banken wünschen“, räumte Brigitte Jank ein. „Aber seit wir eine Ombudsstelle für Finanzierungsfragen eingerichtet haben, hat sich schon vieles verbessert. Das Service gibt es schon.“ Besonders seit der Wirtschaftskrise klagen Unternehmer darüber, dass ihre Kreditansuchen abgelehnt werden. Im November 2008 wurde aus diesem Grund die neue Ombudsstelle geschaffen, um Wirtschaftstreibenden „unbürokratisch und rasch“ zu helfen. Die Ombudsstelle fungiert vor allem als Vermittler zwischen Unternehmen und Banken. Jank erwähnte auch die steigende Ablehnung der Kreditforderungen seitens Banken seit der letzten Wirtschaftskrise. Laut Jank stelle es ein großes Problem dar, dass bürokratische Hindernisse ein richtiges Funktionieren der Wirtschaft verhindert. In dem Zusammenhang präsentierte sie den Entwurf vom Wirtschaftsbund, namens EVA (Entlasten, Vereinfachen, Ankurbeln). Das neue Paket soll flexibler gestaltet sein und es erleichtern, dass diese Probleme überwunden werden. Wie sich aber in der Vergangenheit bereits herausgestellt hat, scheitern Kreditvergaben auch öfter an unvollständigen Unterlagen. Mustafa Atak ist mit dem Service des Wirtschaftsbundes im Großen und Ganzen „sehr zufrieden“. Die begleitende Beratung laufe bisher tadellos. „Ich komme mit der Wirtschaftskammer sehr gut zurecht.“ Der einzige Bereich, in dem er sich etwas mehr Engagement wünscht, betrifft Unternehmensgründungen. „Hier bräuchte es mehr Beratung“, so Atak. „Das ist nicht so einfach in Österreich. Man müsste hier den Einsteigern dabei helfen, ein Konzept für fünf Jahre zu entwickeln, um auch als Konkurrent auf dem Markt zu bestehen. Ansonsten gehen einige Unternehmen schon nach drei Monaten ein.“

Wirtschaftsbundpräsident Leitl meinte, dass es ein großer Vorteil ist, zweisprachig zu sein, und dass er sich dieses Vorteils ziemlich bewusst sei. Er betonte wiederholt, dass genau das ein wichtiger Ausgangspunkt für ein mögliches profitables Investment für Import und Export sein kann. Leitl war auch enttäuscht über die 1%ige Quote des Wirtschaftswachstums, was eine Schande für eine kosmopolitische und bewegliche Stadt wie Wien ist, die gerade deswegen eigentlich eine große wirtschaftliche Dynamik haben sollte. Für Leitl ist eines der ersten Ziele das ökonomische Wachstum. Und türkische Unternehmer sowie türkisches Kapital und deren Potenzial, in verschiedenen Märkten zu investieren und aktiv zu sein, hätten laut Leitl eine bedeutsame Rolle für das Erreichen dieser Ziele und äußerte sich diesen gegenüber sehr optimistisch.

 Türken in Österreich sind aus Sicht von Birol Kilic auch eine wichtige Zielgruppe, und es lohnt sich, diese Zielgruppen über die Werbung gezielt in ihren Muttersprachen anzusprechen.

Wie lohnenswert das Engagement ist, beweisen die Zahlen. „In Österreich leben rund 250.000 Menschen aus der Türkei, davon sind bereits 120.000 österreichische Staatsbürger, die sich mit dem Staat identifizieren und hier konsumieren“, weiß Birol Kilic. Ihnen stehen pro Haushalt rund 2.000 Euro im Monat zur Verfügung. Der Ethno-Marketing-Experte rechnet vor: „Wenn man von 70.000 Haushalten ausgeht, gibt es für die österreichischen Unternehmen pro Jahr rund zwei Milliarden Euro abzuholen.“

Die Zielgruppe benötigt zum Beispiel 3,5 Millionen Flaschen Haarshampoo oder auch rund sieben Millionen Flaschen Babynahrung. Bislang lassen auf diese Zielgruppe abgestimmte Kampagnen allerdings auf sich warten, was eigentlich sehr schade ist. Schließlich haben die Menschen aus der Türkei oder Ex-Jugoslawien weit mehr Kinder als Österreicher. In einem österreichischen Haushalt leben durchschnittlich 1,8 Menschen, in einem türkischen vier.

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