“Hilf mir, Schwester”: Anlaufstellen für misshandelte Frauen!

Wo liegen die Ursachen der häuslichen Gewalt?Welche Rechte haben Opfer von häuslicher Gewalt? Hanife Ada und Maria Rösslhumer mit der  im Gespräch  „Yeni Vatan Gazetesi – Neue Heimat Zeitung“.

WIEN.  Hanife Ada ist seit acht Jahren mit ihrem Verein Yetis Bacim (Hilf mir, Schwester) eine Anlaufstelle für misshandelte Frauen in Wien. Letzte Woche war eine Veranstaltung in dem Wiener Ordulular Dernegi im zehnten Bezirk, die von Yetis Bacim organisiert wurde, bei der  sehr viele Austrotürkische Frauen teilgenommen haben. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser – AÖF ist das Netzwerk von 15 Autonomen Frauenhäusern in Österreich. Der Verein wurde 1988 als Zusammenschluss der Mitarbeiterinnen der Autonomen Frauenhäuser in Österreich gegründet und ist bis heute Informationsdrehscheibe für seine Mitglieder. Der Ehrengast war die Geschäftsführerin des Vereins der Autonomen Österreichischen Frauenhäusern Maria Rösslhumer. Rösslhumer hat ihre Bereitschaft und Hilfe, an alle Frauen die unter Gewalt leiden, betont.  Wir haben mit Frau Ada und und Frau Rösslhumer  nach dem Veranstaltung gemeinsam gesprochen. 

Hanife Ada (LINKS) und Maria Rösslhumer( RECHTS) mit der  im Gespräch  „Yeni Vatan Gazetesi – Neue Heimat Zeitung“.

 

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Grüße Sie Frau Ada. Sie haben den Verein „Yetis Bacim“ gegründet. Welche Aufgabe hat der Verein?
Hanife Ada: Die Aufgabe des Vereins liegt darin, Frauen, die von Gewalt betroffen sind, zu helfen. Diese werden sofort, nachdem sie sich gemeldet haben (innerhalb von drei Tagen) in Sicherheit gebracht, bevor ihre Männer, Vergewaltiger, Peiniger etc. aus der Untersuchungshaft entlassen werden, damit diese sich nicht an den Frauen rächen können. Manche wollen auch zurück in ihre Heimat und wir versuchen sie auf ihrem Weg so gut wie möglich zu unterstützen. Der Verein sorgt dafür, dass jegliche Kosten (für Visum, Anwälte, Frauenhäuser, medizinische Versorgung, etc.) übernommen werden, wenn nötig auch durch Spendensammlungen, Einnahmen durch Flohmärkte usw. Außerdem unterstützen wir die Frauen bei allen organisatorischen Dingen, die anfallen..

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat : Sind auch Männer betroffen, welche Formen der Gewalt gibt es?
Rösslhumer: Männer können auch von häuslicher Gewalt betroffen sein. Studien haben aber ergeben, dass Männer häufiger von Gewalt im öffentlichen Bereich bzw. von und Männer und Männergewalt betroffen sind und weniger von Gewalt durch die eigene Partnerin.  Gewalt hat viele Facetten und Formen. Wenn wir von Gewalt an Frauen in der Familie bzw. häusliche Gewalt sprechen, dann unterscheiden wir zwischen vier Formen der der Gewalt: Physische oder körperliche Gewalt, psychische Gewalt oder seelische Gewalt, sexuelle Gewalt und ökonomische oder auch finanzielle Gewalt genannt. Kinder erleben zusätzlich oft auch sexuellen Missbrauch durch Erwachsene, aber auch Isolation und Vernachlässigung sind Formen der Gewalt, denen Kinder oft ausgesetzt sind. Körperliche Gewalt wird in der Öffentlichkeit am deutlichsten wahrgenommen. Die Angriffe reichen von Ohrfeigen über schwere Verletzungen wie Knochenbrüche, Prellungen und Messerstiche bis zu sexueller Nötigung, Vergewaltigung, Morddrohung und Tötung. Gewalt zeigt sich aber auch subtiler, in Form von Psychoterror, Erniedrigungen, Verboten, Vorschriften und Isolation. Gewalt ist jede Form von Machtausübung, Machtmissbrauch, Verletzung oder Zwang.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Was hat Sie dazu bewegt diesen Verein zu gründen?
Ada: Ich war selber jahrelang Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt und habe bis zur Eskalation nichts dagegen unternommen, da ich nicht wusste, wie ich mich dagegen wehren soll und an wen ich mich wenden kann. Natürlich hielt mich auch Scham und Angst davon ab, mich zu befreien.

 

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Wie lange gibt es den Verein schon?
Ada: Ich habe den Verein „Yenis Bacim“ 2012 gegründet. Offiziell wird er seit 2015 ehrenamtlich von mir geführt. Ich habe mich in den letzten Jahren bereits um ca. 480 Frauen, welche aus verschiedensten Ländern stammen (Rumänien, Bulgarien, Russland, Holland, Deutschland, Österreich, Türkei …), gekümmert.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Unterstützt der Verein nur Frauen?
Ada: Neben dem Schutz von Frauen, welche Opfer von Gewalt wurden, unterstützt der Verein auch Anschaffungen und Finanzierungen von Rollstühlen auf der ganzen Welt.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Wo liegen die Ursachen der häuslichen Gewalt?Welche Rechte haben Opfer von häuslicher Gewalt?
Rösslhumer: Die Wurzeln der Gewalt sind in den Strukturen unserer Gesellschaft verankert.Häusliche Gewalt, auch geschlechtsspezifische Partnergewalt genannt, hat ihre Wurzeln in der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen. Damit ist Gewalt gemeint, die Frauen erleben müssen, weil sie Frauen sind oder Frauen unverhältnismäßig stark betrifft. Geschlechtsspezifische Gewalt an Frauen ist der Ausdruck historisch gewachsener ungleicher Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern. Sie haben zur Beherrschung und Diskriminierung der Frau durch den Mann und zur Verhinderung der vollständigen Gleichstellung der Frau geführt. Wie jede Form der Diskriminierung hat auch die Diskriminierung von Frauen eine lange Geschichte.In den letzten Jahrzehnten hat sich einiges verbessert. Doch der Weg aus einer Gewaltbeziehung ist steinig und die Mühlen mahlen langsam. Das lange Tabu Vergewaltigung in der Ehe wurde beispielsweise in Österreich erst 1989 unter Strafe gestellt und ist erst seit 2004 ein Offizialdelikt, das bedeutet diese Gewaltform muss vom Staat verfolgt werden. Weil häusliche Gewalt eine Menschenrechtsverletzung ist und komplexe negative Auswirkungen auf die Gesellschaft nach sich zieht, hat der Gesetzgeber gehandelt.

 

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Warum haben Frauen Angst davor, sich an den Verein zu wenden?
Ada: Die meisten sind finanziell abhängig und haben Angst vor den Kosten, die auf sie zukommen könnten. Sie schämen sich auch sehr und ihre Männer drohen meistens, da sie um nichts in der Welt verlassen werden wollen. Aber wir arbeiten mit Erfahrung, anonym und mit Diskretion.

Yeni Vatan: Was sind die Ziele des Vereines, die erreicht wurden?
Ada: 150-200 Frauen kamen zu einem Vortrag, bei dem es um Gewalt ging. Die Geschäftsführerin der Frauenhäuser  Frau Mag. Maria Rösslhumer,  berichtete von 4-5 Opfern, die den Mut gefasst haben, weiter zu machen und über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie starteten ein erfolgreiches Seminar, bei dem es um das Beisammensein ging und zu dem nicht nur Türkinnen, sondern auch Bulgarinnen und Rumäninnen erschienen sind.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung:Welche Gewaltdelikte sind in Österreich strafbar?
Rösslhumer: Wer Gewalt gegenüber anderen Menschen ausübt, wird in der Regel vom Staat strafrechtlich verfolgt. Das österreichische Strafgesetzbuch stellt eine Reihe von Gewalthandlungen unter Strafe, wie beispielsweise Körperverletzung, Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen, Freiheitsentziehung, Nötigung, gefährliche Drohung, beharrliche Verfolgung (Stalking), fortgesetzte Gewaltausübung oder Vergewaltigung.Alle Gewaltdelikte sind sogenannte Offizialdelikte. Das bedeutet, die Staatsanwaltschaft und Polizei ist verpflichtet, alle strafbaren Handlungen von Amts wegen zu verfolgen, von denen sie Kenntnis erlangt.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung:Welche Frauen können sich an den Verein wenden?
Ada: Besonders tragisch empfinde ich die Fälle von blutjungen Mädchen, die zur Verheiratung extra nach Österreich geschickt werden. Und dann vom zum Pascha erzogenen Ehemann – und dessen Familie – misshandelt werden, weil sie nicht schwanger werden. Das hat nichts mit dem Islam zu tun, das betrifft Mädchen aus Rumänien und Bulgarien genauso. Ich betreue auch viele Österreicherinnen unter anderen Umständen. Wir wollen für alle Frauen da sein.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung :Was bedeutet Prozessbegleitung?
Rösslhumer: Die Prozessbegleitung ist eine der wichtigsten Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene und wird unter bestimmten Voraussetzungen im Strafverfahren und im Zivilverfahren kostenlos gewährt.Grundsätzlich besteht die Prozessbegleitung aus zwei Betreuungskomponenten: Zum einen leisten Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter von spezialisierten Beratungsstellen psychosoziale Unterstützung und Begleitung (vor, während und nach polizeilichen Vernehmungen bis zum Ende eines Strafverfahrens und anschließendem Zivilverfahren) und zum anderen erfolgt eine juristische Prozessbegleitung durch Rechtsanwältinnen oder Rechtsanwälte durch einen Strafprozess.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Muss man Gläubig sein Frau Ada?
Ada: Das hat nichts mit dem Islam zu tun, wie gesagt betreue ich auch viele Österreicherinnen. Mein Verein steht unter der Telefonnummer 0699/ 1778 1768 immer zur Verfügung – ich wünsche mir, dass misshandelte Frauen sich öffnen und reden. Ich bitte immer wieder, dass sie auf meiner Facebook Seite mit verdecktem Gesicht ihre Lage schildern, aber die Angst, dass sie trotzdem erkannt werden, ist einfach zu groß. Ich versuche außerdem immer wieder Frauen davon zu überzeugen mit uns gemeinsam eine Anzeige zu machen, wir können auch einen Dolmetscher organisieren. Besser drei Mal eine Anzeige als nur einmal, oft wird man nicht ernst genug genommen bei einer einmaligen Anzeige. Wir sprechen viele Sprachen in unserem Verein und wenn es Kommunikationsschwierigkeiten gibt, können wir diese auch überwinden. Wir sind eine große Hilfe bei schlechtem Deutsch!

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Sind Migrantinnen häufiger von Gewalt betroffen?
Rösslhumer: Nein, Migrantinnen sind nicht häufiger von häuslicher Gewalt betroffen als Österreicherinnen. Aber aufgrund der rechtlichen und strukturellen Bedingungen ist es für Migrantinnen schwieriger, sich aus der Situation zu befreien.Migrantinnen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, sind in Österreich noch immer schlechter geschützt als Frauen mit österreichischem Pass.Erschwerend wirkt auch, dass Migrantinnen oftmals gezwungen werden, viele Jahre in völliger Isolation zu leben. Hinzu kann die Furcht kommen, von der eigenen Herkunftsfamilie verstoßen zu werden, wenn sie den gewalttätigen Partner verlassen. Migrantinnen fällt es daher schwerer, sich aus gewaltgeprägten Situationen zu lösen, weil sprachliche Barrieren, soziale und kulturelle sowie aufenthaltsrechtliche und ökonomische Probleme die Hilfesuche hemmen. Zu dieser erschwerten Problemlage kommen spezifische Gewaltformen hinzu, von denen vor allem Frauen mit Migrationshintergrund betroffen sind.

Yeni Vatan Gazetesi-Neue Heimat Zeitung: Vielen Dank.
Ada:
Ich danke herzlich.
Rösslhumer:  Herzlichen Dank.

 

Informationen:

Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser

Alle Häuser sind aufMehr Informationen : https://www.aoef.at/index.php zu finden. Die Frauen-Hotline 0800/222555 betreut Anrufe aus ganz Österreich.
https://www.aoef.at/index.php/informationsstelle-gegen-gewalt/team
Zentrum: Bacherplatz 10/4, 1050 Wien
Telefon: 01 / 544 08 20, Fax: 01 / 544 08 20-24

Verein Yetis Bacim (Hilf mir, Schwester)

Website: yetisbacim.com
Facebook: facebook.com/yetisbacimverein
Instagram: instagram.com/yetis_bacim_dernegi
Telefon: 0699 17781768

Caritas 

https://www.caritas.at/hilfe-beratung/familien/

 

 

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