Im Namen des Erdöls

Weltwirtschaft, Geopolitik und unsere Mobilität im Spiegel des Erdölpreises.

Von Karin Kneissl, Analystin und Autorin; ehemalige Außenministerin

Das Erdöl bewegt die Weltpolitik, kann Kriege lostreten und beschäftigt jeden von uns. Ob beim Tanken an der Zapfsäule oder als Inflationstreiber, wenn sich die Preisspirale nach oben dreht. Derzeit gilt die weltweite Sorge aber dem Preisverfall. Binnen weniger Wochen fiel der Preis von rund 60 US-Dollar pro Fass (das sind rund 160 Liter) auf knapp 20 US-Dollar. Für die Erdölproduzenten schafft das gehörige Probleme, vor allem für jene mit hohen Produktionskosten. Letzteres gilt insbesondere für die nordamerikanische Fracking-Industrie. In den letzten zehn Jahren sind die USA neben Saudi-Arabien und Russland zu einem der wichtigsten Erdölproduzenten aufgestiegen. Unter „fracking“ versteht man eine sehr teure Fördermethode, die mit viel chemischem Aufwand Sedimente sprengt und darin eingelagertes Erdöl freilegt. Diese Produktionsform ist um vieles komplexer und auch ökologisch bedenklicher als die traditionelle Form der Ölförderung mittels vertikaler Druckbohrung, ob auf dem Festland oder auch auf dem Meeresboden, also offshore.

Der Erdölpreis und die Kostenfrage

Daher sind Kosten für ein Fass Erdöl zum Beispiel in den arabischen Golfstaaten niedriger als für ein Förderland wie die USA oder auch Russland, wo zudem noch die Transportkosten via Pipelines hinzukommen. Doch gerade ein Land wie Saudi-Arabien finanziert seinen teuren Wohlfahrtsstaat und seine oft sehr bedenkliche Außenpolitik, wie den brutalen Krieg im Nachbarland Jemen, fast zu 90 Prozent mit Erdöleinnahmen.

Bei einem anhaltend niedrigen Preisniveau verschärft sich das Defizit, die unzufriedene Jugend lässt sich kaum bei Laune halten. Der frühere saudische Erdölminister Ali Naimi nannte daher bereits vor zehn Jahren einen Preis von 90 US-Dollar pro Fass als rote Linie, darunter wäre aus saudischer Sicht nichts möglich, denn sonst riskierte das Land interne Probleme. Um sich aus dieser Abhängigkeit von dem einen wesentlichen Rohstoff frei zu schaufeln wurde vor einigen Jahren ein Plan namens „Vision 2030“ präsentiert, um neue Wirtschaftszweige aufzubauen. Doch genau für diese Vorhaben fehlt nun das Geld. Leidet die Wirtschaft in den arabischen Golfstaaten, die meist mit gewaltigem Pro-Kopf-Einkommen und Kasino Stimmung verbunden wird, so trifft dies auch Millionen von sogenannten Expats. Ob aus Südasien, Europa oder anderen Staaten im Nahen Osten, die Zahl der Migrationsarbeiter in den reichen Erdölstaaten ist hoch.

Sie schuften auf Baustellen unter teils unmenschlichen Bedingungen, müssen als Haushaltshilfen viel aushalten, oder sind in Hotels an der Rezeption, im Management etc. tätig. Alle senden meist einen Teil ihres Gehalts an ihre Familien in den Heimatländern. Diese Überweisungen tragen den englischen Namen „remittances“ und leisten einen wesentlichen Beitrag, dass viele Familien in den letzten Jahrzehnten einen bescheidenen kleinen Wohlstand aufbauen konnten. Mit dem Preisverfall und der Stilllegung so mancher Baustelle oder Ölfeldes verlieren Millionen Gastarbeiter ihr Einkommen, was sich wiederum dramatisch auf ihre Herkunftsländer auswirkt. Es sind letztlich die oftmals kritisierten Petrodollars, die auch zu einer sozialen Stabilität beitragen.

Kurzer historischer Rückblick

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte das Erdöl kaum eine Rolle, das Petroleum diente der Beleuchtung, doch mit der Erfindung der Gaslaternen gab es auch dafür keinen Bedarf mehr. Der Aufstieg des Erdöls begann erst mit der neuen Mobilität, die sich im Ersten Weltkrieg abzeichnete. Zwar zog man noch zu Pferden in diesen „Großen Krieg“, wie ihn die Zeitgenossen ahnungslos nannten, doch im Laufe des ersten Kriegsjahres wurde bereits klar, dass ein neues Zeitalter eingeläutet war.

Die ersten gepanzerten Fahrzeuge waren im Einsatz. Luftschlachten tobten über europäischen Städten, auch wenn die Brüder Wright ihren ersten Flugapparat 1902 bloß 75 Meter in der Luft gehalten hatten. Der Krieg erwies sich wieder einmal als Innovationsmaschine.

Nach dem Krieg war Siegern wie auch Verlierern gleichermaßen klar, dass die physische Kontrolle von Erdölfeldern das wesentliche zukünftige strategische Streben bestimmen sollte. Die folgenden Kriege, wie die deutschen Feldzüge gegen die Sowjetunion und in Nordafrika, Kriege im Nahen Osten, der von den USA inszenierte Putsch gegen die demokratisch gewählte iranische Regierung 1953 und viele andere Operationen, hatten oftmals eine energiepolitische Agenda. Dies sollte auch im März 2011 für die französisch-britische Militärintervention in Libyen gelten.

Erdölfluch über dem Irak

Das Primat der Energie-Interessen zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Geschichte des Iraks, der ältesten Zivilisation, denn in Mesopotamien wurde die Landwirtschaft ebenso wie das Rechtswesen oder der Monotheismus erfunden. Dieses Land verfügt über so viel natürlichen Reichtum, wie fruchtbare Böden und archäologische Stätten, dass es nicht in diese Rohstoffabhängigkeit hätte gelangen müssen.

Die Kriege der letzten 25 Jahre, die der Westen immer wieder in den Irak hineintrug, wurden stets im Namen des Erdöls geführt. Und die Ölinteressen standen auch am Anfang des modernen Irak. Zunächst wurden die Pipeline Trassen verlegt, dann erst die Grenzen zwischen dem Irak und seinen Nachbarn in der „Anglo-French Convention 1923“ festgelegt. Denn das Ölabkommen der Konferenz von San Remo im April 1920, an welchem vorrangig die Vertreter von Ölkonzernen und nicht Staatenvertreter die Details zur Aufteilung des Iraks aushandelten, steht am Beginn der territorialen Neuordnung.

„No blood for oil“

Als die USA und ihre Verbündeten die Irakinvasion vom 19. März 2003 vorbereiteten, ging es auch um den alten Wunsch, physischen Zugang zu den zweitwichtigsten Erdölreserven der Welt zu erlangen. Die Menschen, die gegen jenen Krieg von London bis New York protestierten, skandierten völlig zu Recht „No blood for oil“. Wie sehr Rohstoffinteressen und nicht etwa andere Kriegsziele, wie die vermeintliche Vernichtung von Waffenprogrammen, vorrangig waren, lässt sich in den Memoiren von Alan Greenspan, dem ehemaligen US-Notenbank Chef, nachlesen. Demnach ging es bei jenem Kriegsgang ganz offensichtlich um das irakische Erdöl. Und jener Krieg von 2003 holt die restliche Welt mit dem Aufstieg des Islamischen Staats bzw. Daech wie das arabische Akronym lautet, seit Sommer 2014 heftig ein.

Der niedrige Erdölpreis und die Gefahr von Unruhen

Infolge der niedrigen Einnahmen aus dem Erdölgeschäft und der relativ hohen Staatsausgaben, ob nun für Brot und Spiele des Wohlfahrtsstaates, oder für Sicherheit, befindet sich vor allem Saudi-Arabien in einem wachsenden Dilemma. Der Ruf nach Diversifizierung wurde in den letzten Jahrzehnten immer wieder laut, wenn der Preis niedrig war. Doch diese Anläufe für eine Verbreiterung der Wirtschaft verliefen stets dann im Sand, wenn der Preis wieder stieg. Die Verlockung von „quick & easy money“ ist einfach zu groß.

Die Grundlage für die „Vision 2030“, die eben diese neuerliche Diversifizierung ermöglichen soll, verfasste das Beratungsunternehmen McKinsey. Eine aufmerksame Durchsicht der Studie eröffnet kaum fundamentale Veränderungen. Die Idee, Steuern einzuheben, ist fraglich, da die saudischen Untertanen in politische Entscheidungsprozesse so gut wie nicht eingebunden sind.

Die Gefahren für die saudische Stabilität kommen nicht von außen, wie so oft behauptet mit dem Fingerzeig in Richtung Teheran. Saudi-Arabien ist vielmehr von innen bedroht. Ein anhaltend niedriger Erdölpreis könnte langfristig weitere geopolitische Umbrüche lostreten. Auch aus diesem Grund bewegt das Erdöl die internationalen Beziehungen stets aufs Neue.( Karin Kneissl, 20.04.2020, Wien, yenivatan.at- Neue Heimat Zeitung)

 

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