Karl Lueger (1844-1910) – Christlichsoziale Politik als Beruf

Buch Rezension

John William Boyer, Dekan der University of Chicago sowie Dozent mit einem Schwerpunkt auf der österreichischen Habsburgermonarchie, widmet sich in diesem Band, der zur Reihe „Studien zu Politik und Verwaltung“ vom Böhlau-Verlag gehört, dem Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger.

Seine Arbeit stellt die erste fundierte Biographie des Politikers dar, die im Kontext mit der christlichsozialen Partei steht, die von Lueger selbst im Jahr 1893 gegründet wurde. Gerade der miteinbezogene parteiliche Kontext ist Boyers Meinung nach wichtig, da man nur so seine Gedanken und Handlungen bzw. überhaupt Lueger als Person verstehen kann. Der amerikanische Professor zeigt in dieser Biographie verschiedene Aspekte der Regierung unter Lueger auf: „Karl Luegers Leben war doch insgesamt ein politisches Abenteuer, dessen eigentlicher Schauplatz die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren, mit ihrem unbedingten Streben nach Modernisierung, mit ihrer Großstadtpolitik, in deren Raubeinigkeit die Grenzen zwischen Spiel und Ernst immer wieder verschwammen, und mit dem für dieses Zeit typischen Selbstvertrauen, das, getragen vom Wohlstand und der materiellen Prosperität der Spätzeit der Monarchie, sich mit enormem persönlichen Stolz, starker Ichbezogenheit und aggressivem Durchsetzungsvermögen verband. Lueger regierte Wien in der Tat so, wie ein Monarch sein Reich regiert, und es fällt schwer, sich vorzustellen, wie er in der dünneren, egalitäreren Luft der Ersten Republik überlebt hätte.“

Um Luegers Rolle in der Wiener Politik abzurunden, behandelt Boyer im Schlusskapitel außerdem noch die Weiterführung bzw. Veränderung der Parteilinie der Christlichsozialen unter Ignaz Seipel während der Zwischenkriegszeit und stellt Unterschiede in der politischen Führung der beiden Männer dar.

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