Kurz: „Ich weiß, diese Krise verlangt uns allen viel ab“

Ab 10.30 Uhr wurden am Heldenplatz symbolisch zwölf Rekruten angelobt. Im Rahmen dessen gibt es Ansprachen von Van der Bellen, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Kanzler Sebastian Kurz (beide ÖVP).

Wien.   Kanzler Kurz erinnerte  an die Bedeutung des heutigen Nationalfeiertags aber den großen Teil seiner Rede widmete er aber der Coronapandemie:  „Der Friede, die Freiheit und der Wohlstand, den wir oft als selbstverständlich erachten, ist in Wahrheit alles andere als selbstverständlich.Diese Krise ist, ohne Zweifel, eine der härtesten Herausforderungen, die wir als Gesellschaft seit dem zweiten Weltkrieg zu meistern haben.“

 

BKA

Kurz: „Ich weiß, diese Krise verlangt uns allen viel ab“

„Ich weiß, diese Krise verlangt uns allen viel ab.“ Viele seien „erschöpft, wollen von Corona nichts mehr hören und können einfach nicht mehr“. Ihnen wolle er als Staatsbürger sagen: „Ich verstehe das. Auch ich möchte keine Maske tragen müssen, keine Einschränkungen erdulden und Feste feiern, wenn es mir danach ist“. Aber als Regierungschef sei es nicht seine Aufgabe, zu sagen, was manche hören wollen. „Daher muss ich Ihnen leider sagen: Wer werden noch viele Monate mit dem Virus leben müssen. Wir werden durchhalten müssen, bis ein Impfstoff uns eine Rückkehr zur Normalität möglich macht.“ Wenn Frust, Unmut oder Wut stärker werden, solle man sich daran erinnern, „dass diese Krise nicht von Dauer ist und ein Ende absehbar ist“.
Der Kanzler lobte alle Institutionen des Landes und besonders das österreichische Bundesheer, das „in dieser Krise Großes“ geleistet habe. „Die letzten Monate haben wiedermal gezeigt: Ohne ein funktionierendes Bundesheer sind Krisen wie diese nicht zu bewältigen.“ Die Ausstattung des Heeres werde für die Regierung daher eine Priorität bleiben.
Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Wortlaut: 
„Sehr geehrter Herr Bundespräsident! Geschätzte Ehrengäste! Sehr geehrte Soldatinnen und Soldaten! Vor allem liebe Österreicherinnen und Österreicher! 
 
Am heutigen Tag feiern wir die Unabhängigkeit und die Neutralität unseres Landes. Nach dem Grauen zweier Weltkriege begann mit der Unabhängigkeit 1955 die große Erfolgsgeschichte  der zweiten Republik.   Wir alle,  die wir im Österreich von heute leben dürfen, sollten uns stets bewusst sein, wie viel in dieser Zeit gelungen ist. Und wir sollten uns vor Augen führen, wie gut es uns heute geht. Der Friede, die Freiheit und der Wohlstand, den wir oft als selbstverständlich erachten, ist in Wahrheit alles andere als selbstverständlich. 
 
Das zeigt ein Blick in viele andere Regionen der Welt. Und das zeigt auch ein Blick  auf unsere eigene Geschichte. Denn der Weg vom schwachen Österreich, an das noch nicht alle so recht glauben konnten, hin zur starken Republik, war kein einfacher. Entlang dieses Weges gibt es viel, wofür wir dankbar sein sollten. 
 
Die großzügige Unterstützung unserer internationalen Partner, die unsere noch junge Demokratie von Anfang an gestärkt haben. Der Zusammenhalt in unserer Bevölkerung – über alle Parteigrenzen hinweg – der unseren Rechtsstaat und Sozialstaat erst möglich gemacht hat. Und vor allem die harte Arbeit unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, die den Wiederaufbau geschafft haben. 
 
Auf all das dürfen wir aufbauen. 
 
Aber jede Generation hat ihre ganz besondere Aufgabe, um unserem Land zu dienen und unser Lebensmodell in die Zukunft zu tragen. 
 
Gerade die aktuelle Situation,  die Corona-Pandemie  und die damit einhergehende Weltwirtschaftskrise, erinnern uns daran. 
 
Diese Krise ist eine echte Herausforderung.  
 
Sie dominiert seit mehr als 8 Monaten unser öffentliches Leben. Sie schadet unserer Wirtschaft und schränkt unser Privatleben massiv ein. 
 
Durch einen gemeinsamen Kraftakt sind wir bisher verhältnismäßig gut durch diese Krise gekommen. Aber es liegen noch schwere Monate vor uns und ich weiß, dass das für uns alle nicht einfach ist.    Insbesondere mir als Regierungschef geht diese Situation sehr nahe. 
 
In der Pandemie gibt es viele Zahlen und täglich neue Statistiken. Aber hinter all dem stehen Menschen und unzählige Schicksale. 
 
Wir wissen zum Beispiel alle, dass Social Distancing der richtige Weg ist, um Ansteckungen zu vermeiden. Für ältere Menschen bedeutet das aber oft, dass sie nur noch  eingeschränkt besucht werden können, oder ihre Enkelkinder  nicht mehr in den Arm nehmen dürfen. 
 
Auch wirtschaftlich ist die Situation ein Drama. Einige Branchen sind mittlerweile  total zum Erliegen gekommen. Insbesondere auch  der für Österreich so wichtige Tourismus ist stark betroffen. Reisewarnung quer durch Europa bedeuten, dass sich manche Tourismusbetriebe überlegen,  ob sie heuer überhaupt aufsperren. Und das betrifft dann nicht nur die Betriebe selbst, sondern oft halbe Orte, wo der eine als  
Koch oder Kellner,  die andere als Rezeptionistin im Tourismus arbeitet. Wenn der Betrieb zubleibt, dann bedeutet das Arbeitslosigkeit  und Bedrohung der Existenz für ganze Regionen. 
 
Aber genauso trifft es alle Familien. Noch schwerer ist es dieser Tage,  Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.   Ich weiß, diese Krise verlangt uns allen viel ab. 
 
Unweit von hier werden heute wieder  Corona-Gegner demonstrieren und zum gemeinsamen Maskenverbrennen  aufrufen. 
 
Auch wenn das nur eine kleine Minderheit ist, gibt es mittlerweile dennoch viele, die erschöpft sind, die von Corona nichts mehr hören können und die einfach nicht mehr wollen. Und Ihnen möchte ich als Staatsbürger sagen: Ich verstehe das. Auch ich möchte keine Maske tragen müssen, keine Einschränkungen erdulden und Feste feiern, wenn es mir gerade passt. 
 
Aber als Regierungschef ist es nicht meine Aufgabe, ihnen zu sagen, was sie hören wollen, sondern ihnen eine ehrliche Erläuterung zu geben.   Und daher muss ich ihnen leider sagen: Es ist alternativlos. 
 
Wer werden noch viele Monate mit dem Virus leben müssen. 
 
Wir werden zusammenhalten müssen. 
 
Und wir werden durchhalten müssen, bis ein Impfstoff uns eine Rückkehr zur Normalität möglich macht.   Ja, es stimmt,  dass eine Corona-Infektion für viele sehr  mild verläuft, dass viele gar keine Symptome haben. 
 
Aber, es stimmt auch, dass ein bestimmter Prozentsatz der Erkrankten einen so schweren Verlauf hat, dass sie intensivmedizinische Betreuung  
brauchen. Und wir können und werden wir es nicht zulassen, dass unsere Intensivkapazitäten  überfordert werden und Menschen in Österreich  nicht mehr versorgt werden können. 
 
Gleichzeitig dürfen wir auch nicht vergessen, dass steigende Infektionszahlen die Konsumlust reduzieren,  zu Reisewarnungen führen und zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit in vielen Branchen führt.   Und wenn wir über den Tellerrand blicken, dann sehen wir: Alle anderen Länder,  versuchen diese Bedrohung ebenso abzuwenden. 
 
Frankreich und Spanien, die Niederlande und Belgien,  aber auch unsere Nachbarn wie Tschechien  und Slowenien, mussten schon zum zweiten Mal  einen Lockdown verhängen. 
 
Und auch bei uns in Österreich steigen die Ansteckungszahlen exponentiell.   Daher bitte ich sie am Nationalfeiertag: 
 
Leisten wir alle unseren Beitrag und tun wir was notwendig ist, damit wir die nächsten Monate gut überstehen. Wenn Frust, Unmut oder Wut stärker werden, erinnern wir uns, dass diese Krise nicht von Dauer sondern ein Ende absehbar ist. Und, ganz besonders am Nationalfeiertag, halten wir einen Moment inne und machen wir uns bewusst, dass viele Menschen diese Krise in anderen Teilen der Welt, unter ganz anderen Bedingungen  durchleben müssen. Ich denke wir können uns glücklich schätzen, in dieser Situation   in einem Land wie Österreich zu leben – mit einem starken Gesundheitssystem, einem robusten Sozialstaat und der Finanzkraft, um Notsituationen abzufedern.   Gerade an solchen Zeiten sieht man wieder, wie dankbar wir allen vor uns sein sollten, dass sie unser Österreich 
so stark gemacht haben. 
 
Und man sieht tagtäglich, wie wichtig der Beitrag eines jedes einzelnen ist. 
 
Wie etwa die Mitarbeiter des Gesundheitssystems, die in dieser Krise unmenschliches leisten. Die Polizei, die unter schweren Umständen für unsere Sicherheit sorgt. Die Mitarbeiter in der kritischen Infrastruktur, die für uns alle ihren Dienst versehen. 
 
Und, natürlich, die Soldatinnen und Soldaten des Österreichischen Bundesheeres.   Das österreichische Bundesheer hat in dieser Krise bisher Großes geleistet. 
 
Die letzten Monate haben wiedermal gezeigt: Ohne ein funktionierendes  und gut ausgestattetes Bundesheer sind Krisen wie diese nicht zu bewältigen. 
 
Daher bin ich froh,  dass das Bundesheer nächstes Jahr das höchste Budget seiner Geschichte  haben wird. 
 
Das ist ein wichtiger Schritt zur Sicherstellung unserer umfassenden Landesverteidigung.  Die Basis für die Stärke  des österreichischen Bundesheers  sind unsere Rekruten. 
 
Sie werden heute  der Republik Österreich die Treue geloben und mit aller Kraft unserem Land dienen. 
 
Gerade in Zeiten wie diesen,  danken wir Euch ganz besonders für Euren Dienst!   Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Österreicherinnen und Österreicher! 
 
Die nächsten Monate werden nicht nur für das Bundesheer ein Kraftakt, sondern für uns alle.  
 
In unserer Bundeshymne heißt es: Mutig in die neuen Zeiten, Frei und gläubig sieh uns schreiten, arbeitsfroh und hoffnungsreich. 
 
Lassen Sie uns gemeinsam  mutig und hoffnungsreich  in die nächsten Monate gehen. Auch wenn diese Zeit keine einfache wird. 
 

Vielen Dank und einen frohen Nationalfeiertag! Es lebe die Republik Österreich!“

 

Relevante Artikel

Back to top button
Close