Sumerologin Ilmiye Cig

“Das erste Kopftuch in der Geschichte stammt von den Sumerern”

Muazzez Ilmiye Cig,die 96 jährige türkische Sumerologin und Historikerin, hat ihr Leben lang die Kultur und Geschichte der uralten mesopotamischen Zivilisationen erforscht, und herausgefunden, das das erste Kopftuch in der Geschichte von den Sumerern getragen wurde. Wie wir es in unserer Ausgabe mit der Coverstory „Christentum stammt aus der Türkei?“ auch kurz geschildert hatten, waren es die Sumerer, ein mesopotamisch südanatolisches Volk, das 3000 Jahre vC. gelebt hat, die ersten, die das Kopftuch als religiös-spirituelles Medium verwendet hatten. 

„Der Turban taucht zum ersten Mal bei den Sumerern auf“, meint die Sumerologin Muazzez Ilmiye Cig. „In der polytheistischen Religion der Sumerer war es eine heilige Ehre für willige Frauen, den Göttern in ihren Tempeln zu beten und zu danken, indem sie als Braut der Götter zu einer `öffentlichen Frau` wurden. Damit man sie von anderen Beterinnen unterscheiden konnte, mussten sie ihren Kopf bedecken.“ Weiters fügt sie hinzu: „Viel später –erst ca. 1600 v. Chr.- führte ein assyrischer König die Kopfbedeckung auch für verheiratete und verwitwete Frauen ein. So bekamen diese Frauen den gleichen Status wie die `öffentlichen Frauen`, die legal Geschlechtsverkehr haben durften. Später übernahmen diese Tradition die Juden, und danach die Muslime von den Juden.“ Laut Cig, die viele Werke über das Thema geschrieben hat, sei der Turban „geboren“ von Sumerern, später vom Judentum, Christentum danach von arabischer Kultur und damit von Islam übernommen. „Eigentlich ist der Turban nichts anderes als eine sumerische Tradition, die später eine enorme göttliche Bedeutung übernommen hat“, so Cig.Folgenden ein paar Ausschnitte aus einem Inter-view mit Frau Cig.

FRAGE: „Also, Frau Cig, bitte klären Sie uns einmal über das viel umstrittene Thema auf: Wer bei den Sumerern hat sich wieso bedeckt?“

Cig: Bei den Sumerern hatte jeder Gott ein eigenes Haus, sozusagen einen Tempel . In diesen Tempeln beteten die Menschen ihre Götter an. Es war allerdings nicht vorgeschrieben, was sie für die Götter tun sollten. Alle definierten die Art zu beten für sich selbst und praktizierten ihr eigenes Gebet.

FRAGE: „Waren diese Tempel also eine Art`Häuser eigenen Gewissens`?“

Cig: Genau, diese Tempel waren Orte, wo Menschen mit ihrem Gewissen alleine bleiben konnten. Sie waren in ihren Gebeten freier als in den heutigen Moscheen, Kirchen oder Synagogen. Sie sangen oder tanzten, um die Götter zufriedenzustellen. Unter den BeterInnen waren auch Ordensfrauen. Manche von ihnen wurden eben zu diesen `öffentlichen Frauen`.

FRAGE: „Was bedeutet das Wort `öffentliche Frau` genau?“

Cig: Das waren die Frauen, die die Aufgabe haben, Geschlechtsverkehr zu praktizieren, aber sie waren keine Prostituierten, denn sie verlangten kein Geld. In den Tempeln gab es sogenannte Liebesräume, wo die öffentlichen Frauen den Jugendlichen Sexpraktika beibrachten. Im Gilgamesch-Epos gibt es eindeutige Hinweise darauf. Um dem Mann, der im Wald unter Tieren aufgewachsen ist, Menschlichkeit beizubringen, wurde eine Ordensfrau aus einem Tempel bestellt und sie lernte ihm, wie man spricht, isst und Geschlechtsverkehr hat. Diese öffentlichen Frauen wurden bei den Sumerern als weise Lehrerinnen betrachtet. Während sie dieser heiligen Aufgabe nachgingen, opferten sie sich vollständig im Namen der Götter auf. Eigentlich war die Jungfräulichkeit bei den Sumerern schon ein Thema. Die Tatsache, dass die öffentlichen Frauen trotzdem Geschlechtsverkehr haben durften, zeigt, wie heilig diese Aufgabe wirklich war.

FRAGE: „Woher weiß man, dass die Jungfräulichkeit ein Thema war?“

Cig: Laut alter Tafeln bekam eine Frau, die vor der Heirat als Jungfrau galt, bei der Scheidung Schadenersatz.

FRAGE: „Warum trugen die `öffentlichen Frauen` ein Kopftuch?“

Cig: Damit man sie von anderen Ordensfrauen in den Tempeln unterscheiden konnte. Zum Beispiel trugen die Prostituierten auch kein Kopftuch. Das ist das spezielle Symbol der öffentlichen Frauen in den Tempeln und somit das erste Kopftuch in der Geschichte.

FRAGE: „Wie ging es dann weiter?“

Cig: Viel später führten die Assyrer im 16. Jahrhundert vor Christus plötzlich die Kopfbedeckung für verheiratete und verwitwete Frauen ein. Der Sinn dahinter war, dass man zeigen wollte, dass auch diese Frauen legalen Geschlechtsverkehr haben.

FRAGE: „Heißt das, dass eine Frau mit Kopftuch sich als Nichtjungfrau geoutet hat?“

Cig: Ja, ganz genau! Aber viele Gläubige missverstehen diese Tatsache. Sie denken, ich würde behaupten, dass die Prostituierten das erste Kopftuch in der Geschichte getragen hätten.  Aber weder die öffentlichen Frauen bei den Sumerern noch die verheirateten und verwitweten Frauen bei den Assyrern waren Prostituierte.

FRAGE: „Also diente das Kopftuch einer Frau eigentlich schon vor tausenden Jahren, d.h. vor dem Islam bzw. Judentum und Christentum, einfach dazu, ihren Status zu zeigen?“

Cig: Das ist auf den Punkt genau was ich sagen möchte. Sogar nicht ich, sondern die Geschichte sagt das. Weder ergänze ich die Tatsachen noch interpretiere ich sie. Ich erzähle nur die wissenschaftlichen Fakten.

Quelle: Sabah Reportage in der Türkei

Das Land Sumer lag südlich von Akkad in Mesopotamien. Die Sumerer beeinflussten im Laufe des 4. Jahrtausends v. Chr. den Übergang zur mesopotamischen Hochkultur entscheidend. Ihr Land nannten sie „ken-gir“, ihre Sprache „eme-gi(r)“; der Begriff „Šumeru“ ist die akkadische Bezeichnung für das Land und Volk der Sumerer. Diese Bezeichnung wird seit dem 19. Jahrhundert nach der Wiederentdeckung der sumerischen Schrift und Sprache auch für ihre Kultur verwendet.

yenivatan.at

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