Ukraine Lemberg (Lviv): „Klein-Wien“ am Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident

Ende des 18. Jahrhunderts verleibte sich, der zu dieser Zeit besonders beutehungrige habsburgische Doppeladler, Lemberg (Lviv) und Venedig, gleich zwei Städte im Zeichen des Löwen, ein. Lemberg und Venedig weisen neben dem Wappentier noch weitere Gemeinsamkeiten auf, etwa die Rolle als Drehscheibe zwischen West und Ost. Der Historiker Gregor Gatscher-Riedl hat die Geschichte der Löwenstadt in der heutigen Westukraine in einem reich illustrierten Prachtband nachgezeichnet, der nach einer Einladung von Botschafter Alexander Scherba im Rahmen des Österreichisch-Ukrainischen Kulturjahres 2019 in der ukrainischen Botschaft in Wien präsentiert wurde.

Ein neues Buch Namens “LEMBERG – k.u.k Sehnsuchtsort und Weltstadt in Galizien” ist erschienen. Birol Kilic im Gespräch mit dem Autor Gregor Gatscher-Riedl im Namen der Neuen Heimat Zeitung (Yeni Vatan Gazetesi).

Ich habe mit großer Freude mit dem Neuen Welt Verlag bereits zwei Bücher von Herrn Gatscher-Riedl als Herausgeber verlegt: “IN HOC SIGNO VINCES – Zwischen religiösem Mythos und politischem Anspruch von Byzanz nach Neapel”, sowie die Geschichte des heiligen konstantinischen Ritterordens vom heiligen Georg: „DIE ROTEN RITTER – Zwischen Medici, Habsburgern und Osmanen.” Deswegen habe ich das neue Buch “LEMBERG – k.u.k Sehnsuchtsort und Weltstadt in Galizien” sofort gelesen, habe auch sehr viel gelernt und wollte natürlich mit Herrn Gatscher-Riedl über das Buch reden.

 

Neue Heimat Zeitung: Als erstes lieber Herr Gatscher-Riedl, Sie stellen in Ihrem Buch Lemberg zur Disposition als entweder „östlichste Stadt Westeuropas“ oder „westlichste Stadt Osteuropas“ – wie kommt es dazu?

Gregor Gatscher-Riedl: Lemberg überwindet das seit Aristoteles gebräuchliche Denken in ausschließlichen Kategorien. In den bald acht Jahrhunderten seit der Stadtgründung ist die Auflösung von Gegensätzen das inoffizielle Motto der knapp eine dreiviertel Million Einwohner zählenden Metropole, durch deren Hauptbahnhof die Wasserscheide zwischen dem Schwarzen Meer und der Ostsee verläuft. Statt des in die räumlichen Kriterien „Ost“ oder „West“, hinter denen sich kulturelle Zuschreibungen verbergen, umgedeuteten „entweder-oder“ regiert in Lemberg seit alters her das komplementäre „sowohl-als auch“, und wie in ganz Galizien das von Manès Sperber beschriebene „als ob“, das in die Fassade einer verkleinerten Ausgabe Wiens bepflanzt wurde.

Neue Heimat Zeitung: Interessant. Woran lässt sich diese Vielfalt in der Stadtgeschichte festmachen?

Gregor Gatscher-Riedl: Zunächst einmal an der Bevölkerung. Als Herkunftsort verbindet Lemberg etwa so gegensätzliche Persönlichkeiten wie den liberalen Ökonom Ludwig von Mises und den vier Jahre jüngeren kommunistischen Revolutionär und Vordenker Karl Radek. Der für Russland tätige Spion Alfred Redl war ebenso Lemberger und k. u. k. Offizier wie Jerzy Sosnowski, der in der Zwischenkriegszeit für Polen die deutsche Reichswehr ausspionierte. Ruben Bierer war Arzt und widmete sich der Umsetzung eines jüdischen Nationalstaates. An der Gründung Pakistans wirkte hingegen der Lemberger Anwaltssohn und Koran-Gelehrte Leopold Weiss alias Muhammad Assad mit, der 1926 zum Islam konvertiert war.

Neue Heimat Zeitung: Wie ist die Rolle Lembergs als multikulturelle Handelsstadt zu bewerten?

Gatscher-Riedl: Das offene Konzept war bereits in der Gründung, die in die Rurikidenzeit der Kiewer Rus fällt, mitgedacht. Bis ins 17. Jahrhundert war die später polnische Stadt von der Ostsee auf dem Wasserweg erreichbar und es wurden hier Schiffe aus Hansestädten wie Lübeck und Danzig entladen, die auf dem heute unter die Erdoberfläche verbannten Fluss Poltwa nach Lemberg gekommen waren. Der Weitertransport der Waren erfolgte auf dem Landweg in alle Himmelrichtungen, etwa in den Schwarzmeerraum und das Osmanische Reich, wo die Stadt „Ili“ oder „Ilbot“ genannt wurde.

Neue Heimat Zeitung: Welche Waren wurden hier gehandelt?

Gatscher-Riedl: Zu den gehandelten Gütern zählten etwa Gewürze aus dem Orient, Salz, Damaste, Seidenstoffe, Pelze, Honig, Bienenwachs, Met und Wein. König Wladislaw III. von Polen ließ 1455 verlautbaren, dass „alle Kaufleute die nach Lemberg kommen, es sei mit Waaren oder ohne solche: Griechen Saracenen Juden und Türken, es seien Christen oder Heiden, nach keinem anderen Rechte als nach dem städtischen magdeburgischen gerichtet werden können“. Es herrschte in Lemberg also ein neutraler Boden.

Neue Heimat Zeitung: Gibt es in der Wirtschaftsgeschichte auch so etwas wie kritische „schwarze Flecken“?

Gatscher-Riedl: Einen von der Geschichtsschreibung häufig ausgeblendeten gesamteuropäischen Faktor in den Handelsbeziehungen bis ins Spätmittelalter stellte der Menschenhandel dar, wobei die Sklavenroute im arabischen Gebiet der iberischen Halbinsel begann und sich über Frankreich und Süddeutschland, Nürnberg nach Lemberg und weiter in die Schwarzmeerregion und zur Kaspischen See fortsetzte. Bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde in Lemberg ein großer Markt für heidnische wie christliche Sklaven abgehalten, die auch in der Stadt selbst und bis nach Litauen Abnehmer fanden und auf südlichen Routen nach Venedig und Florenz gingen.

Neue Heimat Zeitung: Wie verhielt sich die Rolle Lembergs im Verhältnis zum Osmanischen Reich, gerade in Hinblick auf dessen europäischen Expansionsdrang bis ins späte 17. Jahrhundert?

Gatscher-Riedl: „Sieben schwere Belagerungen, einundzwanzig feindliche, tatarische und walachische Überfälle, zwei große Schlachten, welche vor den Stadtmauern geliefert wurden, zählte ein Lemberger Stadtarchivar 1913 auf, da sind die also die blutigen Gefechte des Ersten und Zweiten Weltkriegs nicht mitgezählt. 1672 belagerte Sultan Mehmed IV. mit 50.000 Mann die Stadt, zog aber wieder ab. Lemberg war auch in besonderem Maße mit dem in der Nähe geborenen Jan III. Sobieski verbunden, der 1683 die Entsatzschlacht um Wien führte.

Neue Heimat Zeitung: Lemberg gilt als eines der historischen Zentren jüdischen Geisteslebens ins Osteuropa. Was ist davon in der Stadt noch zu bemerken?

Gatscher-Riedl: Im 15. Jahrhundert hieß es: „Polonia paradisus judaeorum“, Polen sei ein „Garten Eden“ für die Juden. Mit der Reconquista der iberischen Halbinsel strömten zudem zahlreiche sephardische Familien entlang der Handelsrouten nach Lemberg, das damit umso dichter in das Netzwerk europäischer Fernkaufleute eingebunden wurde. Rabbinische Persönlichkeiten wie David ben Samuel ha-Levi Segal, der im 17. Jahrhundert als Oberrabbiner wirkte, stehen für die geistige Entfaltung. Mit dem Chassidismus und der „Haskalah“, der jüdischen Aufklärung, formten sich die beiden großen religiösen Richtungen des osteuropäischen Judentums in Galizien und damit im Umland Lembergs aus. Den unzähligen Bethäusern und Synagogen, von denen nur ein verschwindend geringer Teil erhalten ist, stehen 97.000 in der nationalsozialistischen Schoah ermordeten Lemberger Juden gegenüber.

Neue Heimat Zeitung: Wo sehen sie die Zukunft Lembergs, das seit der Fussball-EM 2012 wieder in wenig ins mitteleuropäische Bewußtsein gerückt ist?

Gatscher-Riedl: Nicht einmal hundert Kilometer liegen heute zwischen Lemberg und der EU-Außengrenze. Diese Distanz ist kürzer als jene in die Hauptstadt Kiew und die Ergebnisse bei Präsidentschafts-und Parlamentswahlen sehen seit 1990 europaorientierte Kandidaten im Vorteil. Die kontinentale politische Einung findet in der Westukraine und ihrer Hauptstadt Lemberg wohl aktuell mehr Zuspruch als in jenen Ländern, deren Bürger sich schon an die Selbstverständlichkeiten und Vorteile gewöhnt haben, sich aber der Pflichten entledigen wollen. Sehr viele Menschen tragen hier Europa im Herzen, und es wäre wichtig, Lemberg auch im Herzen Europas zu positionieren.

Neue Heimat Zeitung: Vielen Dank.

Gatscher-Riedl: Ich danke Ihnen herzlich für das Interview.

Quellen:

Gregor Gatscher-Riedl, IN HOC SIGNO VINCES Zwischen religiösem Mythos und politischem Anspruch von Byzanz nach Neapel.Herausgeber von Birol Kilic.

Gregor Gatscher-Riedl, „DIE ROTEN RITTER – Zwischen Medici, Habsburgern und Osmanen. Die Orden und Auszeichnungen des Großherzogtums Toskana.“
Herausgeber von Birol Kilic.

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