„Bereits seit Langem das alles vorbereitet gewesen “

Foto: Zuschauer vor der brennenden Zeremonienhalle auf dem jüdischen Friedhof in Graz, 10. November 1938 (Foto: Landesmuseum Joanneum, Abt. Bild- und Tonarchiv)

In nur wenigen Monaten zerstörten die Nationalsozialisten mit ungeheurer Brutalität und Skrupellosigkeit die bis dahin blühende jüdische Gemeinde in Graz und der Steiermark.

Als ich am Samstag gegen halb zehn Uhr vormittags in den Tempel ging, erkannte ich die Stadt nicht mehr. Von jedem Hause flatterten die Hakenkreuzfahnen, ja jedes Fenster war bespickt mit Hakenkreuzfähnchen und ich fragte mich und frage mich noch heute, wie konnte man in so kurzer Zeit so viele Fahnen anfertigen? Es ist nur so zu erklären, dass bereits seit Langem das alles vorbereitet gewesen ist. Es ist darum töricht zu sagen, Österreich sei überrumpelt worden.

In Wirklichkeit war der größte Teil nicht um ein Jota besser, als die Reichsdeutschen. Was aber das Interessanteste an der ganzen Sache ist, dass die meisten Hitler darum so begeistert aufnahmen, weil er antisemitisch gewesen ist und weil man dachte, es ist wieder eine ,Gaudi‘, den Juden etwas auszuwischen. Im Gotteshause war eine furchtbar gedrückte Stimmung. Im großen Tempel waren in der Nacht die meisten der wundervollen, von bedeutenden Künstlern geschaffenen Fenster, wahre Perlen der Künste, mit mehreren kiloschweren Steinen eingeworfen worden. Es war gefährlich geworden, dort zu beten. Denn jeder Halunke, der vorbeikam, holte sich von einem Steinhaufen, den man, wie ich jetzt weiß, schon einige Tage vorher vor den Tempel schaffte, nicht um die Straße auszubessern, sondern um die Tempelfenster einzuschlagen und das Beten dort unmöglich zu machen, einen Stein.“

http://www.kleinezeitung.at/oesterreich/5386555/1938_Der-Jud-muss-weg-sein-Gerstl-bleibt-da

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