“ Kirche zur Einmischung verpflichtet“

Wien-Berlin- Eine Verpflichtung zur Einmischung gibt es für die Kirche aus Sicht des Theologen Paul Zulehner bei generellen politischen Debatten um die Würde des Menschen, Gerechtigkeit und die Unversehrtheit des Lebens. „Gott selbst hat sich für die Unterdrückten eingesetzt. Es ist die Aufgabe von Christen, sich für die sozial Versehrten einzusetzen. Man müsste die Bibel verbrennen, wenn sich die Kirche da heraushalten sollte“, sagte Zulehner in einem Interview mit der Tageszeitung „Kurier“ am Donnerstag. Aus der Parteipolitik allerdings müsse sich die Kirche herausnehmen, so der Theologe.

„Aus Sicht des Evangeliums gibt es keine Menschen zweiter Klasse“, hob Zulehner hervor. Man könne nicht für Menschenwürde eintreten „und dann schweigen, wenn Menschen unter die Räder kommen“. Hier gebe es vielmehr eine „Verpflichtung zum Aufschrei“. Beim Asylrecht etwa, gehe es etwa „schon auch darum, die Bevölkerung nicht zu überfordern, denn sonst kann man das Asyl nicht gewähren“. Um angekommene Flüchtlinge jedoch müsse man sich kümmern, „auch wenn das etwas kostet“.

Kritisch blickt der Wiener Pastoraltheologe zudem auf den Einsatz von Begriffen wie dem „christlichen Abendland“ im Politwettstreit. „Wenn Parteien wie die AfD sagen, sie müssen das christliche Abendland retten, muss man antworten: Man muss das Christliche im Abendland vor Parteien wie der AfD retten.“

Zulehner äußerte sich vor dem Hintergrund einer Debatte, die sich über die Weihnachtsfeiertage in Deutschland entstanden ist. CDU-Bundesvize Julia Klöckner äußerte sich kritisch zu tagespolitischen Stellungnahmen der Kirchen. Es sei wichtig, „dass Kirchen nicht parteipolitische Programme übernehmen“, sagte sie der „Bild“-Zeitung (Mittwoch). Für Debatten sorgte zudem ein Tweet von „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt („Wer soll eigentlich noch freiwillig in einer Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“).

Kämen sie manche in einer Messe wie in einer Juso-Veranstaltung vor, müssten sie das aushalten, kommentierte Zulehner gegenüber dem „Kurier“ diese Kritik: „Die Kirche kann nicht schweigen, wenn es um die Unversehrtheit des Lebens, um Menschenwürde, um Gerechtigkeit und Freiheit, auch um Religionsfreiheit, geht.“ Es gebe kein „Wellness-Christentum“, sondern die Kirche sei „verpflichtet, die Finger auf die Wunden der Menschen und der Umwelt zu legen“.

Kardinal Woelki: Parteinähe-Vorwurf „Unfug“

Auch der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki widersprach der jüngsten Kritik an den kirchlichen Weihnachtspredigten. Es sei ein falscher Eindruck, dass die Predigten in diesem Jahr politischer ausgefallen seien als sonst, sagte er am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin. Die Bischöfe versuchten stets, das Evangelium in die heutige Zeit zu übersetzen und auf die aktuelle Situation der Menschen zu beziehen.

Der Vorwurf einer zu großen Parteinähe sei „Unfug“, betonte Woelki. Die Kirchen orientierten sich am Evangelium. Dessen Botschaft selbst habe Konsequenzen; wenn es etwa um den Erhalt der Schöpfung oder die Würde des Menschen gehe, wirke sich das auf den Umgang mit der Umwelt oder auf Migrationsfragen aus. „Wir können nicht von Gott sprechen, ohne vom Menschen zu sprechen“, so Woelki.  (KAP)

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