Ramadan in Zeiten des Coronavirus

Was bedeutet es für Muslime in der Corona-Zeit zu Fasten Herr Ednan Aslan?

Prof. Dr. Ednan Aslan

WIEN. Am 24. April werden Erwachsene Muslime, die bereits in der Lage sind, selbständig Entscheidungen zu treffen, mit dem Fasten beginnen. Das ist seit 1500 Jahren eigentlich eine gewohnte Praxis, die jedoch in diesem Jahr durch die Schutzmaßnahmen gegen die weltweite Corona-Pandemie vor etlichen Herausforderungen steht. Das bedeutet nämlich, dass die Gläubigen ihre Gebete zu späten Nachtstunden nicht gemeinsam in den Moscheen verrichten dürfen und auch die aufwendigen Abende für das Fastenbrechen wird man schwer organisieren können. Viele Familien sind durch diese Maßnahmen sehr betroffen, da sie weder ihre Familienangehörigen besuchen können noch Leute zu sich einladen dürfen.

Die Neue Heimat Zeitung (Yeni Vatan Gazetesi) hat mit Herrn Prof.Dr. Ednan Aslan von der Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät Institut für Islamisch-Theologische Studie( Uni.Wien) ein Interview geführt, das die aufkommenden Fragen in der derzeitigen Situation klären soll.

Neue Heimat Zeitung (Yeni Vatan Gazetesi): Guten Tag Herr Aslan. Schön, dass Sie Zeit gefunden haben.

Ednan Aslan: Guten Tag. Es freut mich hier behilflich sein zu können.

Wir  möchten gleich mit der Frage beginnen welche theologischen Diskussionen durch die Coronakrise entstanden sind?

Aslan: Aus dieser Ausnahmesituation heraus sind nun Debatten unter den Muslimen entstanden, wie man die Welt mit dem Coronavirus verstehen kann. Die Stimmen sind vielfältig, aber die dominierenden Stimmen unter den Muslimen gehen in die Richtung einer allgemeinen moralischen Verurteilung und sehen hier eine Warnung von Gott für die Menschen. Ein Imam schreit in apokalyptischer Hysterie, dass das Coronavirus sogar ein Segen Gottes sei, weil man nun nicht mehr in der Öffentlichkeit Alkohol trinken dürfe und nicht mehr große Veranstaltungen für irdische Vergnügungen besuchen könne. In diese Richtung sprach auch eine Vertreterin der IGGÖ, dass ein Unglück besser sei als tausende von Ratschlägen und dass sich die Menschen mehr Zeit für Gott und für ihre persönliche Besinnung nehmen sollten.

Welche Meinungen dominieren diese theologischen Debatten?

Aslan: Der Mainstream geht in die Richtung, dass wir Gott besser verstehen und auf seine Anweisungen mehr Wert legen sollten. Was das konkret für die Praxis bedeutet kann man nicht genau sagen, aber es zeigt auch ein dringend notwendiges Umdenken in der islamischen Theologie. Die Frage an Gott ob er nicht auch die Menschen verstehen müsse, darf erlaubt sein. In dieser Frage drückt sich eigentlich die Grundlage einer menschenorientierten Theologie aus, weil der Koran ganz eindeutig aus einem Mensch-Gott-Dialog entstanden ist.

Interessant. Wie kann man diesen Mensch-Gott-Dialog lebendig halten?

Aslan: Wenn wir diesen Dialog nicht unterbrechen möchten, dann sollten wir Kommunikation suchen und daraus Handlungshinweise ableiten, weil der Gott diesen Dialog nach meinem  Koran-Verständnis und meiner Meinung nach auch will. Die Ayets (Verse)  aus dem Koran, aus welcher wir noch weitere Erkenntnisse ableiten können, besagt wie wichtig ein lebendiger Dialog auch für Gott ist.

„So gedenkt Meiner, und Ich werde euer gedenken.“ (Koran 2: 152)

„Wenn ihr (Mir) dankbar seid, werde Ich euch ganz gewiss mehr und mehr geben.“ (Koran 14: 7)

„Sie vergessen Gott, und so vergisst Er sie.“ (Koran 9: 67)

Wenn wir diese Frage in Bezug auf den Ramadan konkretisieren, stellen wir fest, dass sich die Debatten diesbezüglich weniger auf die Menschen, sondern auf bestimmte bekannte theologische Regeln fokussieren. Dabei wird die besondere Situation der Menschen unter diesen schwierigen Verhältnissen kaum berücksichtigt.

Welche theologischen Überlegungen wären für die Menschen ratsam?

Aslan: Da erscheinen ständig diese Standardaussagen was wir nicht alles für Gott tun sollten. Das diese Forderungen Menschen auch überfordern, wird leider kaum berücksichtigt und als Zeichen der Ungläubigkeit bzw. der Häresie abgestempelt. Zur Zeit sind die Mehrheit der muslimischen Familien in ihren engen, kleinen und überfüllten Wohnungen ziemlich herausgefordert und stehen unter Spannungen, die wir aus theologischen Perspektiven auf keinen Fall aus den Augen verlieren sollten. Wenn der Koran in physischen Krankheiten einen Grund für das Nichtfasten sieht, sollten die psychischen Belastungen auf gleicher Ebene ein Grund für die Entlastung der Menschen in Ausnahmesituationen sein dürfen. Hier über eine Erleichterung sprechen oder denken zu dürfen, ja diese einfordern zu können, ohne in den Verdacht zu geraten, ein Muslim ohne Gottesfurcht zu sein, sollte daran erinnern, dass Gott auch der Barmherzige ist.

Wie ist die Situation in Österreich?

Aslan: In Österreich sind die Verbände nicht in der Lage ernsthafte theologischen Debatten zu führen. Unsere Vereine und Verbände werden mehrheitlich von theologischen und politischen Funktionären geprägt, die an den neuen Ideen und Reformen nicht interessiert sind. Die Imame in dem Moschen haben keine ausreichend fundierte theologische Ausbildung, mit der sie in der Lage wären, eine menschenorientierte Theologie zu verstehen und darüber predigen zu können. Leider sind wir noch weit weg von den religiösen Strukturen, die in der Lage wären, ein zukunftsorientiertes Gemeinschaftsleben zu gestalten.

Was würden Sie den Menschen empfehlen?

Aslan: Sie sollten den Weg zu Gott ohne Vermittler finden. Kein Imam, kein Theologe kann die persönlichen Fragen der Menschen an Gott beantworten. Nach vorgefertigten Meinungen zu suchen, kann ich nicht empfehlen. Der Islam kennt keinen Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Ich persönlich würde die Menschen ermutigen, sich mit all ihren Fragen an Gott ohne Vermittler zu wenden. Gott ist uns viel näher, als wir uns vorstellen können. Suche Gott in dir selbst und Er hört die Stimme des Fragenden. Diese Tage und Wochen, die viele auf sich selbst zurückwerfen, sind eine große Chance, sich selbst näher zu kommen, sich selbst besser zu durchschauen und in allen Höhen und Tiefen zu erkennen. Das öffnet Tür und Tor für Gott und Er kann nur allein zu uns kommen, Er braucht keine Schar von Interpreten in solchen Momenten.

Neue Heimat Zeitung (Yeni Vatan Gazetesi): Vielen Dank Herr Prof. Ednan Aslan. Wir wünschen Ihnen  einen besinnlichen und schönen Ramadan.

Aslan : Ich danke Ihnen herzlich.

(yenivatan.at, 22. April 2020)

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