General: „Wir kapitulieren nicht“ Sind wir im Krieg Herr General?

MEDIENANALYSE VON BIROL KILIC

In dem neuen Terminus des „kulturellen Rassismus“ sind wir nicht nur als „Opfer“, sondern auch als „Täter“ betroffen. Wir müssen also auch selbst aufpassen, um weder Opfer noch Täter im kulturellen Rassismus zu werden.

Der ehemalige Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger sagte einmal, als man im vorgeworfen hatte, antisemitische Politik auszuüben, obwohl seine Geliebte und rechte Hand eine Wiener Jüdin war: „Ich bestimme, wer Jude ist …“. Aus diesen Worten müssen alle Menschen – auch wir – eine Lektion ziehen. Wir unterstellen niemandem etwas. Wir bitten Sie nur, das Thema „kultureller Rassismus“ mit Samthandschuhen anzufassen und nicht Völker wie „Waren im Supermarkt“ zu etikettieren. Das Wort „kapitulieren“ hat eine negative Konnotation.““


Es wirkt hetzerisch. Was bedeutet denn Kapitulation und wie wird es üblicherweise verwendet? Es wird in Wikipedia, der meist verwendeten Online-Enzyklopädie, folgende Beschreibung für Kapitulation angegeben: „Eine Kapitulation ist völkerrechtlich eine einseitige Unterwerfungserklärung und ist in der Haager Landkriegsordnung festgehalten. Militärisch erklärt zum Beispiel der Befehlshaber einer Festung oder eines Schiffes durch das Hissen einer weißen Fahne oder das Streichen der Flagge die Bereitschaft, keinen Widerstand mehr leisten zu wollen.“ Bitte beachten Sie bei dieser Definition die Wörter „Unterwerfungserklärung“, „Landkriegsordnung“, „militärisch“. Jedes dieser Wörter beinhaltet einen sehr starken Konflikt. Also müssen wir uns warm anziehen. Es geht ins Gefecht. Oder wurde mit diesem Wort ein sozioökonomisches Problem auf eine absichtliche, verantwortungslose und hinterhältige Weise auf eine feindschaftliche Ebene gehoben? Es hat den Anschein, als ob bestimmte Personen uns mit dieser Ansage die Leviten lesen wollen. Soll das eine Bedrohung sein?

Auf jeden Fall scheint es wie ein Ultimatum.  Demnach versteht man, dass die Migranten, die dieses Land zu ihrer Heimat gemacht haben, entweder den Österreicher:innen nacheifern oder „abhauen“ sollen. Es ist egal, ob sie diesen Staat mit ihrer Arbeit und den Steuern, 50 oder 1.000 Jahre unterstützt haben. Woher nimmt man sich das Recht, Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben? Nur weil man nicht „autochthone“ (muss man neu definieren) Österreicher:in ist, heißt es nicht, dass man kein:e„Österreicher:in“ ist.

Werden Sie uns mit Baseballschlägern jagen oder verhaften, weil wir unsere Kultur behalten und uns nicht assimilieren? Wir müssen überhaupt definieren, was der Unterschied zwischen einer Integration und einer Assimilation ist. Wir sind gerne bereit, uns 100%ig zu integrieren. Das heißt, Deutsch lernen, uns dem Leitbild des Landes anpassen und was sonst noch dazu gehört. Aber wieso sollen wir unsere komplette Identität aufgeben? Das wird noch gefährlicher. Wir müssen uns als verfassungsfreundliche Bürger:innen dieses Landes natürlich Gedanken darüber machen, wie die türkische Gemeinde in Österreich in 50 oder gar 100 Jahren ausschauen wird. Was wird passieren, wenn wir uns nicht assimilieren? Etwa Seife …? Unser Traum ist eine 100%ige Integration und Loyalität gegenüber dem österreichischem Staat und seinen Werten. Diese Werte sind die allgemeinen Verhaltensweisen, welche sich die gesamte zivilisierte Welt angeeignet hat. Ziel ist es, also Weltmensch in Österreich zu werden.

Die Presse ist angeblich eine Qualitätszeitung. Der Chefredakteur Michael Fleischhacker tritt in verschiedenen Diskussionen über Innen- und Außenpolitik als Allwissender der österreichischen Nation ins Bild. Wir lernen als beständige Presseleser:innen (natürlich auch Leser:innen von  Kurier, Standard, Krone, Österreich, Heute, Falter, Profil, News, Format, Zur Zeit und etc.) stets von seinem Wissen, seinen Visionen und seinem Weitblick. Vielen lieben herzlichen Dank, Herr Fleischhacker. Seine Sicht der Dinge könnte man ab und zu auch als „Schielen“ bezeichnen. Macht ja nichts. Aber niemand in Österreich kann sich der Wahrheit einfach verweigern, nämlich, dass ein großer Anteil der türkisch-stämmigen Mitmenschen sich in der Gesellschaft als Gewerbeinhaber:innen (Klein-, Mittel- und Großunternehmen) oder in anderen Bereichen erfolgreich etabliert haben. Wir geben gerne zu, dass nicht alle der europäischen Art angepasst auftreten.

Dann wiederum gibt es ja die sogenannten österreichischen „Proleten“. Sie fallen mit ihrem Kleidungsstil, ihrer Redensart und ihren Manieren ständig negativ auf. Also stellen sie nicht unbedingt ein gutes Beispiel für die Integrationsgesellschaft dar. Es ist mir bewusst, dass solche Äußerungen meinerseits – als Austro-Türke – viele verärgert, aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich lebe seit über 20 Jahren als mehrfacher Akademiker in Wien und musste sogar als extremer Selbstkritiker mehrere Male feindliches Benehmen gegenüber Migrant:innen wegstecken. Hinzu kommen die negativ auffallenden Migrant:innen aus der Türkei, was mich zutiefst unglücklich macht. Somit bin ich vollkommen hin- und hergerissen. Ich versuche, den Österreicher:innen gegenüber Empathie zu zeigen. Ich verstehe sie auch in bestimmter Hinsicht und stimme ihnen zu.

Es gibt jedoch immer wieder etwas, das sie übersehen. Sie üben unbewusst „kulturellen Rassismus“ aus. Biorassismus ist jetzt out. Kultureller Rassismus ist jetzt in und auch salonfähig. Der Oberbegriff „Neorassismus“ vereint diese Verhaltensweisen in einem Terminus. Es werden überall auf der Welt – ohne Ausnahme – Religion, Herkunft und Kultur, als etwas anderes als das eigene betrachtet, herabgesetzt und gedemütigt. Mit den Worten „Integration muss sein“ versucht man dies zu verdecken.

Wenn man nun die erfolgreichen Austro-Türken als Beispiel nimmt, kann man nicht sagen, dass sie die Integration verweigern, sondern viel eher, dass sie die Integration verinnerlichen. Herr Fleischhacker sieht nur (besonders seitdem die Presse ihr Zentrum in den 3. Bezirk gewechselt hat, wo viele Austro-Türken leben), die Kehrseite und hebt nie die erfolgreichen Integrationsbeispiele hervor.

Er schreibt am Sonntag, dem 9. Oktober 2009, einen Kommentar mit dem Titel „Wir kapitulieren nicht“, der eigentlich nicht von einer Qualitätszeitung und seinem Chefredakteur erwartet wird. Man müsste fragen, warum Österreich als einziger Staat Europas keinen Presserat hat. Ich kann in Österreich, als Opfer einer Zeitung, meine Beschwerde nicht bei einem Presserat einbringen. Komisch. Die Herausgeber:innen der österreichischen Presse sind auch merkwürdig. Wir erwarten von den Journalist:innen, eine gewisse Distanz gegenüber Ereignissen zu bewahren und beide Seiten der Medaille zu zeigen. Ist es nicht eine Frechheit, dass Fleischhacker den Titel des Buches von Henryk Broder „Hurra! Wir kapitulieren.“ am Ende seines Kommentars zum Vorbild nimmt und sagt „und das sollten wir nicht! Nicht vor integrationsunwilligen Ausländern, nicht vor der Moralkeule der politisch Korrekten und nicht vor ehemaligen Neonazis.“?

Seinen Artikel kann man schon alleine wegen dem Titel, wie einen Kaugummi in jede beliebige Richtung ziehen. Es erweckt den Anschein, dass er mit diesem Artikel bei jedem punktet. Trotzdem kann er es mit seinem Schreibstil weder dem einen, noch dem anderen recht machen. Wir empfehlen ihm, in der letzten Ausgabe von Profil (Nr. 45) zu blättern und sich an dem Bericht von Seite 32 bis 35 ein Beispiel zu nehmen.

Es sieht so aus, als ob Herr Fleischhacker mit den Worten „ehemalige Neonazis“, die vorhandenen und dauernd wie Stehaufmännchen auftauchenden, Neonazis zu verdecken versucht. Der aus der Ukraine stammende, deutsch-jüdische, liebe Herr Broder sollte hier der Letzte sein, der über die Türken „verallgemeinert“ schreibt. Wir als säkular lebende Muslime schätzen ihn, weil er auch für die säkulare Lebensweise ist. Seine hinterhältige, verallgemeinerte Hetzerei gegenüber den integrierten, türkischen Bürgern darf auch nicht unerwähnt bleiben. Ein gut gemeinter Rat wäre, dass er die Zeitungen der 1930er Jahre unter die Lupe nehmen sollte.

Er muss nämlich erst erklären, warum „der Stürmer“ der Nazis nicht nur die Orthodoxen, sondern auch die integrierten Deutsch-Juden in den Zeitungen, als Gefahr für die Menschheit darstellten. Die türkischen Migranten werden zwar nicht als Gefahr für die Menschheit betrachtet, aber sie werden fortwährend verleumdet und diskriminiert. Wieso wird in den Artikeln nie auf die erfolgreich integrierten Türken eingegangen? Es wird beispielsweise das Bild eines Ladeninhabers abgedruckt, wie ein Zuhälter und nicht ein erfolgreich etablierter Bürger.

Die Tatsache, dass eine Reihe von türkischen Geschäften mit türkischen Lebensmitteln und anderen Waren vertreten sind, ist nicht gezwungenermaßen ein Zeichen der Integrationsunwilligkeit. Viele ethnische Ladeninhaber, die in Österreich vertreten sind, verkaufen in ihren Läden auch nationale Lebensmittel und andere Waren. Wenn dies ein Zeichen der Integrationsunwilligkeit ist, wieso bekommen sie dann nicht den Stempel „Integrationsunwillige“, wie es bei den Türken fortwährend der Fall ist? Diese Abbildung ist kein Einzelfall. Es wurde in der Ausgabe vom 24. Jänner 2007 eine türkische Frau zusammen mit H.C Strache in einem Nachtclub fotografiert und als türkische Ex-Edelprostituierte dargestellt. Tatsache ist, dass diese Frau nie eine Prostituierte war. Dennoch wurde sie als Person und somit auch das türkische Volk wieder einmal abgestempelt. Dieses Mal hieß es „türkische Prostituierte“. Was wird wohl auf dem nächsten Stempel stehen? Weiters werden noch Analysen über den Bildungsstatus der Migrantenkinder veröffentlicht, die besagen wie erfolglos sie doch sind. Sind denn die „echten“ Österreicher um so vieles erfolgreicher?

Es sollte nicht darum gehen, welchen Ursprung man hat. Diese Hetzerei und dieser Pessimismus muss endlich ein Ende haben. Es sind immer und überall beide Seiten vorhanden, aber selten auch vertreten. Manchmal überwiegen die negativen und manchmal die positiven Eigenschaften und Ereignisse. Jedoch sollte man immer beide Seiten be-trachten. Kritik ist immer willkommen, aber nur wenn sie konstruktiv und zielführend ist. Wenn die Presse in diesem Bericht vom Sonntag ihren Lesern auch die erfolgreichen Austro-Türken vorgestellt hätte, dann könnte man zumindest sagen, dass der Autor objektiv ist. Wir kritisieren selber auch die integrationsunwilligen Menschen, egal welcher Herkunft. Nur weil ein H.C Strache gesagt hat „ es gäbe kein Ausländerproblem, sondern ein Türkenproblem“, sollte man das Thema nicht sofort radikalisieren.

Früher waren nicht die Türken, sondern die Juden das Problem. Was würden sie mit den 70 Millionen Menschen in der Türkei, 240.000 Austro-Türken, über 3 Millionen Deutsch-Türken und abertausenden Türken in anderen Ländern machen? Nicht die Rechtsextremen, sondern die politische Mitte in Österreich gestaltet die Sachlage gefährlich. In Österreich wird die Rechtsstaatlichkeit immer stärker durch arglistige Vereinbarungen hintergangen. Die Menschen aus der Türkei und anderen Ländern, die wegen Job, Geld und Parteiangehörigkeit als „Arschkriecher“ und „überangepasst“ bezeichnet werden, hemmen den gesamten Integrationsprozess, anstatt ihn zu fördern – hier liegt das Problem.

Es geht nicht ums kapitulieren oder nicht kapitulieren. Die türkischen Migranten zeigen eine Verhaltensweise die an Waisenkinder erinnert. Keiner traut sich etwas zu sagen, doch in Wahrheit sind sie eine 240.000 köpfige Familie. Man muss auch selber mit Lösungsvorschlägen kommen können. Wo es ein Problem gibt, gibt es auch eine Lösung: Erstens, die türkischen Gebildeten und Verantwortlichen müssen endlich agieren und gegen den politischen Islam in Österreich eine Stellung beziehen. Zweitens, sollte man in Österreich Vereine, die eigentlich nur eigennützige Politik oder Gewerbe betreiben, nicht erlauben. Drittens, sollte man den Menschen aus der Türkei das Gefühl geben, dass sie in Österreich willkommen sind und sie nicht wie Außenseiter behandeln. Ein erster Schritt um ein multikulturelles, harmonisches Miteinander zu fördern, wäre eine Abkehr von diesem Schubladendenken. Jede Veränderung beginnt mit kleinen Schritten. ( yenivatan.at, Birol Kilic, 15.01.2019)

Herr Michael Fleischackers Antwort: 

https://www.diepresse.com/518639/blattlinie-haben-wir-das-verdient

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