Interkultureller Respekt

Interview mit Eva-Maria Lass-Kuloglu.

Eva-Maria Lass-Kuloglu, geboren 1972, wurde im November 2010 im Rahmen einer Gala mit dem Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung 2010 in der Kategorie „ErwachsenenbildnerIn“ ausgezeichnet. Frau Lass-Kuloglus interessantes und umfangreichen Beratungs- und Bildungsangebot ist das Resultat ihres vielseitigen beruflichen Werdegangs. Über ihre Ausbildung als Tourismuskauffrau an den Tourismusschulen Schloß Kleßheim kamen Tätigkeiten in der Hotellerie und in der Reisebürobranche. Diese wiederum führten sie weiter ins Direkt Marketing, wo sie erste Personalführungsaufgaben übernahm und 1998 ihr erstes Kommunikationstraining konzipierte und abhielt. Dies war der Schritt in den Bildungsbereich.

Die Neue Heimat Zeitung gratuliert zum Staatspreis! Wie haben sie die Preisübergabe erlebt?

Eva: Natürlich sehr aufregend! Ich wusste, dass die Nominierten mit einem Kurzfilm vorgestellt werden und eine Nominierungsurkunde erhalten. Da ich nicht damit rechnete, den Staatspreis verliehen zu bekommen, habe ich mich sehr auf diesen Moment gefreut! Barbara Rett überraschte mich mit der Frage, ob die Heirat mit einem Türken meine Arbeit mit Menschen beeinflusst hat oder sogar die Initialzündung gewesen ist. Diese Frage konnte ich nur mit einem klaren Nein beantworten, da ich meinen Mann im Vergleich zu meiner Arbeit im Bildungsbereich viel zu kurz kenne. Allerdings hat auch er meinen Horizont wieder erweitert!

Welche Begründung hatte die internationale Jury Sie in der Kategorie „ErwachsenenbildnerIn“ auszuzeichnen?

Eva: In dieser Kategorie werden tragende und herausragende Persönlichkeiten der österreichischen Erwachsenenbildung ausgezeichnet, die sich aufgrund ihres persönlichen Engagements und ihrer oft pionierhaften Leistungen hervorgetan haben. Kernaussage der Jurybegründung ist die Tatsache, dass ich über eine umfassende Bandbreite an Trainings-/Coaching- und Konzept-Erfahrungen mit unterschiedlichsten Zielgruppen und in herausfordernden Segmenten der Erwachsenenbildung verfüge und immer den Menschen in den Mittelpunkt der Interaktion stelle.

Wo setzten Sie die Schwerpunkte in Ihrer Arbeit mit Führungskräften und Mitarbeitern in Unternehmen?

Eva: Im ersten Schritt ist es unumgänglich die Situation im Unternehmen bzw. in der jeweiligen Abteilung zu analysieren und herauszufinden, was die Führungskräfte und Mitarbeiter daran hindert, gemeinsam erfolgreich zu sein. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Themen Kommunikation, Respekt und soziale Kompetenz – auf persönlichkeitsbildender wie fachlicher Ebene – die größten Schwierigkeiten bergen. Genau hier setze ich an.

Angenommen ein Konzern beauftragt Sie, Mobbingprobleme in einer Abteilung – sagen wir ein Lagerbetrieb mit ca. 80% Mitarbeitern mit Migrationshintergrund – zu lösen. Kann man hier irgendetwas bewirken?

Für mich ist es sehr wichtig, bei einem solchen Auftrag eine ernsthafte und vor allem nachhaltige Lösungsstrategie zu entwickeln. Das gelingt nur in Zusammenarbeit mit den Menschen, die es betrifft, da sie erfahrungsgemäß am besten wissen, was sie brauchen! Wichtig ist die einheitliche Definition von Mobbing. Diese ist nicht einfach zu erklären. Mobbingverhalten kann verbal, nonverbal sein. Solche Handlungen gelten üblicherweise als feindselig, aggressiv, destruktiv und unethisch. Der Pionierforscher der Mobbingforscher Heinz Leymann entwickelte das Leymann Inventory of Psychological Terror (LIPT-Fragebogen,) einen Katalog von 45 Mobbinghandlungen, anhand man Mobbing festgestellt werden kann. Dieses Sample ist ein gutes Stützwerk, da dem ich mich individuell je nach Herausforderung halte. Im Normalfall sind sowohl die Führungskräfte wie auch die Mitarbeiter nicht von Beginn an sehr gesprächig. Das ist vollkommen verständlich, schließlich kennen sie mich nicht und ich wurde vom Arbeitgeber engagiert. Für mich ist es immer wieder spannend zu beobachten, wie überrascht Mitarbeiter – vor allem solche mit Migrationshintergrund – sind, wenn man sie ernsthaft noch ihrer Meinung und ihren Wünschen fragt! Den nach Leymann sind meistens in diesem Prozess meistens „schwächere“ Teilnehmer in dieser Kaskadenkette. Der aktuelle Zeitgeist an Arbeitsplätzen zeigt die historischen Zuwanderergruppen nach Österreich. Die momentan am meist betroffenen Gruppen sind Personen aus Zentralasien und den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken. Dort herrschen viele Ressentiments an der „gewissen“ Basis – im Aufenthaltsraum – durch ehrliche und persönliche Gespräche aufzulockern.

Darauf aufbauend geht es daran, mit den Führungskräften ihre Rolle und ihren Auftrag weiterzuentwickeln, ihnen fachliches und kommunikatives Werkzeug zu geben und ihre Selbst- und Sozialkompetenz zu erweitern und zu stärken. Gemeinsam mit dem gesamten Team werden dann im Arbeitsalltag umsetzbare Strategien für die Zusammenarbeit auf Basis interkultureller Kompetenz entwickelt.

„Interkulturelle Kompetenz“ möchte ich gleich aufgreifen! Österreich als geografisch optimaler Schmelztiegel der kulturellen Nationen sollte hier eine Vorreiterrolle haben. Was hindert die Menschen in Österreich sie auch zu leben und wo sehen Sie Lösungsansätze?

Interkulturelle Kompetenz stellt Menschen vor die Herausforderung nicht nur sich selbst und die eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt ihres Seins und Handelns zu stellen, sondern im Einklang mit denen anderer zu leben. Und es gibt neben der Empathie noch eine weitere besondere Voraussetzung: Interesse am anderen! Das ist gerade im interkulturellen Bereich eine unumstößliche Wahrheit! Offenheit, Respekt und Toleranz anderen kulturellen Einflüssen und Traditionen gegenüber können sich nur durch Interesse und Wissen begründen. Leider ist das Bildungsniveau in Österreich an die Herausforderungen des Zusammenlebens in einer interkulturellen Gesellschaft nach oben hin massiv anpassungswürdig!

Frau Lass-Kuloglu, wogegen erheben Sie Einspruch?

Ich erhebe Einspruch dagegen, dass das Thema Integration für Parteien, Unternehmen und NGOs zur Imageaufbesserung und zur Erweiterung ihrer Kundensegmente genutzt wird – vor allem auf Kosten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die vor den Vorhang geholt werden. Hier interessiert man sich nicht für die Realität sondern nur für die eigenen Belange zum Thema. Ich erhebe außerdem Einspruch gegen das aktuelle Bildungssystem – im schulischen, wie auch Erwachsenenbereich! Ich möchte, dass Bildung wieder etwas mit dem Menschen zu tun hat und ihn zu einem couragierten und wertschätzenden Zusammenleben befähigt!

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