„Grüße aus dem Jenseits“

Die Neue Heimat Zeitung erhielt einen Lesebrief von Al Capone

Liebe Neue Heimat Zeitung Leserinnen und Leser,

Mein Name ist Alphonso Capone, vielen von ihnen vielleicht besser bekannt als ‚Al’ Capone und laut amerikanischer Zeitungen einer der brüchigsten Verbrecher und Staatsfeind Nummer 1 in den 1920er und 1930er Jahren. Sie können mich jeder Zeit auf dem römisch-katholischen Mount Carmel Friedhof in Illinois- einem Vorort von Chicago- besuchen kommen. Ich habe sehr viel Zeit. Mein Name wird häufig auch im Zusammenhang mit Geldwäsche und Steuerhinterziehung genannt, nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt. Letzte Woche hat sogar der Premierminister der Türkei Mr. Erdogan in einer Reportage des Wall Street Journals meinen Namen, wegen dem türkischen Medien-Holding Chef Aydin Dogan und seiner angeblichen vier Milliarden Dollar schweren Steuerhinterziehung bei dem Verkauf der Dogan Medianaktien „Axel Springer Verlag“, erwähnt. Ich bin also zurzeit in der Türkei sehr berühmt, ein richtiges Symbol für die organisierte Kriminalität, abgebrühte Cleverness und Gerissenheit, wenn man es so nennen will.

Ich weiß genau, wie man es schafft nach außen hin und für die Presse den Eindruck eines seriösen und gepflegten Geschäftsmannes zu machen und geschickt mit Anwälten, Politikern und der Polizei umzugehen. Ich begann bereits sehr früh damit mich als Kleinkrimineller in New Yorks Jugendbanden zu beweisen. Die Polizei war für mich nie eine Bedrohung, nicht zuletzt, weil ihnen schlicht und einfach die Beweise fehlten mich hinter Gitter zu bringen. Obwohl ich Ende der 1920er Jahre fast ganz Chicago in meiner Macht hatte, die Unterwelt auf mein Kommando hörte und ich den amerikanischen Staat so geschickt ausnahm wie kein anderer,  blieb es auch mir nicht erspart von der amerikanischen Steuerbehörde geprüft zu werden. Schuld für meine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung waren eindeutig meine Anwälte und meine Buchhalter, die geheime Informationen nach draußen trugen.  Sie waren zu unfähig mich aus der ganzen Geschichte herauszuziehen und nahmen die vermeintliche Vereinbarung einer Strafmilderung bei sofortigem Schuldbekenntnis zu ernst. Ihnen fehlte eine Strategie und ich konnte nur dabei zusehen, wie sie mich in das Ende meiner Gauner-Karriere laufen ließen. Ich wurde verurteilt, kam in ein Hochsicherheitsgefängnis nach dem anderen, wurde wegen guter Führung frühzeitig entlassen und starb schließlich im Beisein meiner Familie an einer Lungenentzündung, als Folge einer Syphilis-Erkrankung, die ich mir anscheinend im Milieu zuzog- welch Ironie, nicht wahr? Und das alles für lächerliche 200 000 Dollar, die einzige Summe die sie mir als Steuerhinterziehung nachweisen konnten. Doch mein Geist ist höchst lebendig!

Warum ich mich heute an sie, die Neue Heimat Zeitung wende, hat einen bestimmten Grund:

Ich drehe mich in meinem Grabe um, seitdem ich gehört habe, was seit einiger Zeit in Österreich passiert. Und wenn ich mir die dubiosen Machenschaften rund um den Verkauf der fünf Bundeswohnbau-gesellschaften im Jahr 2004 in Österreich genauer anschaue, wird mir klar, wie dumm ich damals war. Warum habe ich nicht im 21. Jahrhundert in Österreich gelebt? Hier ging es schließlich um weitaus höhere Geldsummen, als zu meiner Zeit und wahrscheinlich hätte ich nicht so viele Menschen für meine kriminellen Geschäfte umbringen müssen. Ich bedauere es sehr, sehen zu müssen, wie einfach es heutzutage sein kann inoffizielle Geschäfte mit Politik, Wirtschaft, Networking und Lobbying zu machen.

Eine Clique von Freunderln rund um einen zwielichtigen Ex-Minister, so hat es den Anschein, nimmt den österreichischen Staat in bester Selbstbedienungsmanier aus, schreibt die österreichische Presse. Lesen Sie die Zeitschriften “Profil”, “Format”, “Falter”, etc. Ein grassierender Fall von Kleptokratentum?

Bislang gilt für alle Akteure ausnahmslos die Unschuldsvermutung, doch die Tatsachen sprechen Bände: Zwei Freunde kassierten bei dem Deal, bei dem die bundeseigenen Wohnungsgesellschaften privatisiert wurden, horrende Provisionen. „Vermittlungshonorare“ für „sachkundige Analysen“ wie es nun offiziell heißt. Sie flossen ausgerechnet auf eine zypriotische Briefkastenfirma, dorthin also, wo man sein Geld in der Regel zielgerichtet hinschafft, will man es vor dem Zugriff des Staates schützen. Versteuert wurden die zehn Millionen Euro denn auch nicht.

Die Profiteure des Deals: Ein schillernder PR-Berater, der einst mit dem Minister geschäftlich verbunden war. Der Andere: Ein ehemaliger Tankstellenpächter und Trauzeuge des Ex-Ministers und Ex-österreichischer Politiker, der, ganz wie dieser, erfolgreich den Aufstieg in die österreichische Busserl-Gesellschaft schaffte und heute in einem noblen Wiener Villenvorort residiert.

Der Rechnungshof kritisierte später in einem Prüfbericht, dass die 62.000 Bundes-Wohnungen entschieden zu billig verscherbelt worden seien.  War der Gewinner im Bieterverfahren demnach auf Weisung des Ministers vorher festgelegt worden? Schiebung? Getrickse? Gaunerei? Betrug? Ganz genau, sagt nun der ins Zwielicht geratene ehemalige Minister. Es gilt, wie schon gesagt, natürlich die Unschuldsvermutung. Doch nicht der Staat ist aus seiner Sicht das Opfer, nein, weit gefehlt, sich selber sieht er, wie so oft, als Opfer.

In diesem Falle: Als Opfer seiner eigenen Freunderl-Partie. Seine feinen Freunde, argumentiert der in die Bredouille Geratene, hätten ihn augenscheinlich arglistig hinters Licht geführt, hinter seinem Rücken im Kontext des Immobiliengeschäfts ein krummes Ding gedreht.

Und nun frage ich Sie, liebe Lerserinnen und Leser: Soll man ihm glauben? Kann man ihm glauben? Zweifel an seiner Version sind angebracht. Verstehen Sie nun, warum ich mich im Grab drehe?

Hätte ich es mir damals doch auch so leicht gemacht und wäre schlicht und einfach in die Opfer Rolle geschlüpft, naja Zeiten ändern sich. Ich wurde wegen 200 000 Dollar Steuerhinterziehung ins Gefängnis gebracht. In Wien geht es um 10 Millionen Euro, eine unvorstellbare Summe.

Ein Kronzeuge aus seinem Ministerium hat nun ausgepackt – und belastet nicht nur den ehemaligen Minister schwer. Schweigegeld in sechsstelliger Höhe sei ihm damals geboten worden, so sagt der Zeuge, damit er das „abgekartete Spiel“ rund um das gefälschte Bieterverfahren nicht störe. Ist das ihre berühmte rechtstaatliche Demokratie? Im “Falter” sagt der ehemailige Tankstellenpächet und Ex- Politiker und jetziger Lobbyist, dass die Lobby-Gesetze in Österreich geändert werden müssen. Welche Gesetze sind das? Wo liegt die Grenze zwischen Volksinteresse und Politikern/Networkern?

Und der vormalige Minister? Es ist nicht das erste Mal, dass er in die Schlagzeilen gerät. Vor Jahren ließ er sich von der Industriellenvereinigung eine Homepage sponsern, die Zuwendungen wurden ebenfalls gekonnt am Fiskus vorbei gelenkt. Beim milliardenschweren Eurofighter-Deal, bei dem es vor Merkwürdigkeiten nur so wimmelte, spielte der stets braungebrannte High-Society-Liebling abermals eine dubiose Rolle, sein Name tauchte rund um den Bawag-Skandal ebenso auf, wie beim Anlage-Desaster eines weiteren engen Freundes, der sich schillernd Julius V. nennt. Unter´m Strich also: Kein handfester Skandal, der in den letzten Jahren ohne den Namen dieses Ex-Ministers ausgekommen wäre. Und jetzt die Geschichte mit den Bundeswohnungen.

Kann es also sein, dass ein ehemaliges Mitglied der österreichischen Bundesregierung ausgerechnet in meine Fußstapfen tritt? Soll ich mich dadurch etwa geehrt fühlen? So wie ich, ein nach außen hin smarter, überaus beliebter und dem Anschein nach seriöser Self-Made-Man, der womöglich mithalf, den Staat auszuplündern – zum Vorteil seiner zahlreichen Amigos, die er gekonnt und nachweislich in einflussreiche Positionen hievte? Ich frage Sie nun nochmal: Ist das ihre rechtstaatliche Demokratie? Muss man unbedingt immer einen Kompromiss finden, um die Gesetze zu hintergehen? Warum diese “Überangepasstheit”?

Ich musste mich für meine kriminellen Machenschaften vor der Justiz verantworten und büßte hinter Gittern. Man wird mir hoffentlich verzeihen. Aber ich glaube nicht daran! Ob sich die österreichische Justiz, nicht gerade für ihre Beißkraft bei Promis und Politikern bekannt, daran ein Beispiel nehmen wird? Man darf gespannt sein.

Ich halte Sie auf dem Laufenden!

A. C.

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